"Gothic" oder nicht "Gothic"?

Im Test: Arcania - Gothic 4

Neuer Entwickler, neues Glück? "Arcania", die Fortsetzung von Deutschlands bekanntester PC-Rollenspielreihe "Gothic", entstand nicht wie die Vorgänger bei Piranha Bytes, sondern beim Studio Spellbound. Das vereinfachte mit Blick auf die Konsolen-Umsetzungen für Xbox 360- und PS3 (folgt im März 2011) und neue Zielgruppen das Spielprinzip radikal. Doch das Ergebnis polarisiert.

Arcania: Gothic 4 - Launch Trailer: Dieser Launch-Trailer erschien zur Veröffentlichung von Arcania: Gothic 4 für den PC. Zu sehen sind verschiedene Gebiete, Waffen und Zauberkräfte, die dem Spieler zur Verfügung stehen. Zum Video: Arcania: Gothic 4 - Launch Trailer

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Mit etablierten Marken ist das so eine Sache: Einerseits gibt es viele Fans, die sehnlichst auf eine Fortsetzung warten. Andererseits verpflichtet die Serientradition so stark, dass es schwierig ist, neue Wege zu beschreiten. Wagt man es dennoch, dann laufen die Stammkunden Sturm. So nun geschehen beim inzwischen vierten Teil von JoWoods bekannter Rollenspiel-Reihe "Gothic": Weil die Episode "Arcania" nicht von Serien-Erfinder Piranha Bytes, sondern von Spellbound entwickelt wurde, hat sich das Spielgeschehen maßgeblich geändert: weg vom klassischen Rollenspiel, hin zur modernen und leicht zugänglichen Action.

Erschwerend hinzu kam der überraschende Tod von Studiogründer und Spielebranchen-Urgestein Armin Gessert Ende vergangenen Jahres. Trotz dieser Widrigkeiten liefert das erfahrene Software-Haus hier ein Abenteuer ab, das gerade deshalb gefällt, weil es den Mut dazu hat, den mittlerweile breit getretenen Pfad zu verlassen, den Piranha Bytes 2001 mit dem ersten "Gothic" eingeschlagen hat.

Während die bisherigen Teile der Serie technische Unzulänglichkeiten und eine krude Steuerung durch eine interessante Geschichte und große spielerische Freiheiten ausglichen, geht das "Arcania"-Team den umgekehrten Weg: Präsentation und Charakter-Design können jetzt endlich mit großen, internationalen Produktionen konkurrieren. Gleichzeitig nimmt "Gothic 4" den Spieler an die Hand und schickt ihn von einem abgeschlossenen Gebiet zum nächsten.

Verlaufen lohnt sich dennoch. Die Welt von "Arcania" ist trotz kleinerer Makel wunderschön geraten: Bäume wiegen sich im Wind (auch wenn der nicht zu hören ist), überall sprießt flauschiges Gras aus dem Boden, und an den Stränden dieses Fantasy-Eilands donnern glitzernde Wellen gegen plastische Felsmassive. Das alles lässt staunen - sofern man sich für die PC-Version entschieden hat. Die Xbox-360-Fassung hat dagegen mit der Grafikpracht sichtbar zu kämpfen und erkauft sich schicke Lichteffekte und üppige Vegetation mitunter durch derbe Ruckeleinlagen, spät auftauchende Texturen und einen kleinen Blickwinkel für sämtliche Details.

Immerhin: Im Vergleich zu den grobschlächtigen Gesichtsbaracken aus den vorherigen "Gothic"-Teilen überzeugen die Bewohner durch eine ausgefeilte Mimik und viele feine Details wie Falten, Poren oder Stoppeln. Visuelles Highlight von "Arcania" sind aber ganz klar die Tag- und Nacht- sowie die Wetterwechsel: Morgens und abends wird die Umgebung in malerisches Licht getaucht. Und schüttet es dann mal aus Kübeln, dann kann man das Wasser dabei beobachten, wie es von den Gesichtern der Gesprächspartner tropft, Steine hinabrinnt und das ganze Land regelrecht durchnässt. Nur: Spielerisch hat das alles keinen Sinn. Die Leute verrichten - egal, zu welcher Uhrzeit und bei welchem Wetter - ihr Tagwerk. Und auch der dauerwache Held darf sich nicht mehr zur Ruhe betten, um Zeit zu schinden und sich zu erholen. Stattdessen regeneriert er verlorene Lebensenergie mit der Zeit automatisch oder durch den Konsum von Heiltränken und Knabberwerk, die sich übrigens auch während eines Gefechts zubereiten lassen.

Apropos: Die Kämpfe in "Gothic 4" machen im Vergleich zu den Vorgängern richtig Spaß - vermutlich, weil sie endlich leicht und geschmeidig von der Hand gehen. Unterschiedliche Attacken, Angriffskombinationen, Ausweichbewegungen, Fernkampfwaffen und auch Zauber sind dank Schnellwahlleiste sofort verfügbar und steuern sich genauso, wie man es sich wünscht: flott, unkompliziert und intuitiv.

Auf erzählerischer Seite gibt man sich indes vergleichsweise bescheiden. Als namenloser Hirtenjunge will man die verstorbene Verlobte rächen, indem man den zum Oberfiesling mutierten Held aus Teil drei nebst königlichem Heer bezwingt. Gegen Ende zerfasert der Handlungsstrang zu einem etwas abstrusen Götter- und Dämonenkonflikt mit offenem Ende. Immerhin: Der Weg dorthin ist mit zahlreichen Missionen gepflastert, die sich unterschiedlich angehen lassen - auch wenn sich das nicht sonderlich auf den Fortgang der Geschichte auswirkt.

Ein wenig mehr Abwechslung hätte dem Heldenalltag dennoch gut getan. Die meisten Aufträge beschränken sich auf simples "Quatsch Person X an", "töte Monster Y" oder "finde Gegenstand Z" - und schlagen damit in dieselbe "Jäger und Sammler"-Kerbe wie das Gros der Genre-Konkurrenz.

Im Test: Arcania - Gothic 4

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Im Test: Arcania - Gothic 4 - Rollenspielveteranen werden "Gothic" nicht wiedererkennen: "Arcania" ist nicht mehr so komplex, dafür nahezu fehlerfrei und leichter zugänglich. (Bild: JoWooD)
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Rollenspielveteranen werden "Gothic" nicht wiedererkennen: "Arcania" ist nicht mehr so komplex, dafür nahezu fehlerfrei und leichter zugänglich. (Bild: JoWooD)

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Im Test: Arcania - Gothic 4 - "Arcania" ist auf dem PC ein echter Eyecatcher, auf der Xbox 360 eine Ruckelorgie. (Bild: JoWooD)
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"Arcania" ist auf dem PC ein echter Eyecatcher, auf der Xbox 360 eine Ruckelorgie. (Bild: JoWooD)

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Im Test: Arcania - Gothic 4 - Die Kämpfe von "Gothic 4" gehen geschmeidiger denn je von der Hand. (Bild: JoWooD)
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Die Kämpfe von "Gothic 4" gehen geschmeidiger denn je von der Hand. (Bild: JoWooD)

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Im Test: Arcania - Gothic 4 - Während seines Trips durch die Inselwelt von "Arcania" trifft der namenlose Held auf Figuren aus dem Vorgänger. (Bild: JoWooD)
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Während seines Trips durch die Inselwelt von "Arcania" trifft der namenlose Held auf Figuren aus dem Vorgänger. (Bild: JoWooD)

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Fazit: "Gothic 4" mag kein reines "Gothic" mehr sein. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die Zeiten komplexer Rollenspiele, die mit absoluter Freiheit überfordern, sind vorbei. Auch die Absicht, eine breite Masse anzusprechen, kann man dem Titel nicht vorwerfen. Dafür aber, dass er viel Potenzial verschenkt. Beispielsweise beim Verhalten der Computer-Figuren, das manchmal schlicht nicht nachvollziehbar ist. Wer will, kann Truhen vor den Augen ihrer Besitzer plündern, ohne unangenehme Folgen befürchten zu müssen. Auch der Heldenausbau könnte etwas ausgewogener sein - Nahkämpfer haben es deutlich schwerer als Magier und Bogenschützen. Und obwohl sich die Liste kleiner und größerer Ungereimtheiten noch ziemlich lange fortsetzen ließe, macht "Arcania" am Ende doch eins: Spaß.

Datenblatt

Arcania - Gothic 4
SpielnameArcania - Gothic 4
HerstellerSpellbound
VertriebJoWooD
GenreRollenspiel
Erhältlich ab12.10.2010
Preisca. 60 Euro
EAN Code9006113173014
SchwierigkeitFür Fortgeschrittene
Alterab 12 Jahren
Multiplayernein
SonstigesPC: Minimum Dual Core CPU mit 2,8 GHz, 2 GB RAM, 9 GB freier Festplattenspeicher, 3-D-Karte mit 256 MB RAM
Bewertung Grafikgut
Bewertung Steuerungsehr gut
Bewertung Soundgut
Bewertung Spielspassgut
Bewertung Gesamtgut
SystemPC
SystemPlayStation3
SystemXbox 360

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