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BSD-Familie: Die modernen Distributionen im Kurztest
Neben Linux gibt es noch eine ganze Reihe anderen Unix-Abkömmlingen, auch die BSD-Systeme gehören dazu.

von Markus Franz Uhr veröffentlicht

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Neben Linux gibt es noch eine ganze Reihe anderer Unix-Abkömmlinge, die auf Servern im Einsatz sind - doch nur die wenigsten arbeiten passable auf dem heimischen Computer. Mit PC-BSD und einigen anderen gibt es löbliche Ausnahmen, die auch Privatleute bedienen können. Netzwelt stellt die Systeme vor.

Die Ursprünge des Betriebssystems Unix gehen auf die Bell Laboratories zurück, die schon im August 1969 ein universelles System für mehrere Benutzer auf einem einzigen Rechner entwickelt haben. Gegen Ende der 1970er Jahre wurden an der Universität von Kalifornien in Berkeley dann die Grundlagen dafür gelegt, was heute als BSD-Unix bezeichnet wird. In der Urversion waren noch viele Komponenten aus dem alten Unix enthalten, an denen der amerikanische Telekommunikations-Konzern AT&T die Rechte hielt.

Doch die Forscher haben nach und nach die Teile des Ur-Unix ersetzt und ihre Ergebnisse unter der freien BSD-Lizenz freigegeben, sodass jeder mit dem System arbeiten durfte. Das BSD-Unix hatte auch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Linux. Bis heute sind jedoch eine ganze Reihe direkter Nachfolger von BSD entstanden, Projekte haben sich in neue Betriebssysteme abgespalten oder als Distribution ein Eigenleben entwickelt. Als der bekannteste Vertreter gilt MacOS X, dessen Darwin-Kern als echtes BSD-Unix gilt und über seinen Vorfahren NextStep mit FreeBSD direkt verwandt ist.

Gemeinsamkeiten durch GNU-Software

Die freien BSD- und Linux-Distributionen sind zueinander sehr ähnlich, da sie die GNU-Software teilen. Im GNU-Projekt werden seit 1993 Programme entwickelt, die in Verbindung mit dem Kernel erst ein vollständig funktionsfähiges Betriebssystem ergeben. Zur GNU Software gehören eine Kosole zur Anmeldung an PCs, eine Bibliothek mit beliebten Funktionen, eine Reihe von Compilern zum Übersetzen von Quellcode aus der Sprache C/C++ sowie weitere Tools. GNU wurde auf fast alle Systeme nach Unix-Art portiert.

Daneben gibt es noch den sogenannten POSIX-Standard, der eine allgemein gültige Schnittstelle zwischen dem Betriebssystem und darin laufenden Anwendungen definiert. POSIX beschreibt die Systemaufrufe aus C-Programmen heraus und wie die einzelnen Teile einer Software miteinander verbunden werden. Wirklich wichtig ist aber, dass POSIX eine Menge von kleinen Programmen definiert, die auf der Kommandozeile von jedem POSIX-konformen Betriebssystem erreichbar sein müssen: Dazu zählen grundlegenden Funktionen für das Kopieren von Dateien, aber auch Hilfsprogramme wie der Vi-Texteditor.

NetBSD

Eine der ersten Abspaltungen vom BSD-Unix der University of Berkeley ist NetBSD, dessen Geschichte bis ins Jahr 1993 zurückreicht. Die Entwickler von NetBSD legen viel Wert auf die Qualität der Programme, die sie mit dem Betriebssystem gemeinsam ausliefern. Seine Verbreitung verdankt NetBSD aber der Portierung auf über 50 Architekturen: NetBSD läuft nicht nur auf x86- und x64-Rechnern, sondern auch auf HP 200 und anderen exotischen Geräten. Sogar die Spielekonsole PlayStation von Sony wird unterstützt.

Die hohe Flexibilität hängt am Treibermodell: Steckt eine Karte in einem PCI-Slot auf einem Mainboard mit x86-CPU, hat NetBSD natürlich einen Treiber für die jeweilige Karte. Der identische Treiber steuert auch in einem PowerPC die Karte an - in anderen Betriebssystemen braucht es dafür Änderungen am Treiber. Die aktuelle Version von NetBSD ist 5.0.2 vom 7. Februar 2010, die kostenlos als ISO-Abbild auf dem zentralen Server und den Siegeln (Mirrors) weltweit bereitsteht. Sehr schön ist, dass der Download mit etwas weniger als 250 Megabyte schnell erledigt ist und es nicht zahlreiche unterschiedliche Versionen gibt.

Probleme bei der BSD-Installation

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Schon beim Laden des Assistenten zur Installation schockt NetBSD: Grüner Text auf schwarzem Bildschirm sieht nicht schön aus.

Konzentration im Installationsassistent

Für alle Benutzer, die schon einmal eine Linux-Distribution erfolgreich installiert haben, sollte auch NetBSD kein Problem darstellen: Nach dem Booten von der Installations-CD wird man vom textbasierten Assistenten begrüßt. Dieser führt Schritt für Schritt durch die Installation und ist neben Englisch auch in Französisch und Deutsch, Tschechisch und Polnisch nutzbar. Zu jeder Konfigurationsmöglichkeit gibt es leicht verständliche Hinweise - insbesondere bei der Partitionierung ist etwas Vorwissen aber unerlässlich.

Im Test klappte die Installation zwar immer, die grafische Oberfläche mit dem X-Server startete aber nicht in jedem Fall. Offenbar schreibt der Installationsassistent nicht die korrekte Einstellungen für die Hardware in die Konfigurationsdateien. Als X-Server dient die Software aus dem X.ORG-Projekt, ein Fenster-Manager wie Gnome oder KDE liegt NetBSD nicht bei. Die Nachinstallation von Gnome ist nach dem ersten Login als root-Benutzer über die Kommandozeile recht einfach, da Meta-Pakete existrieren.

FreeBSD

Zu deutlich mehr Ruhm als NetBSD brachte es FreeBSD, da es über die Jahre den Ruf als solides und sehr sicheres System auch für Server bewahrt hat. Die ersten Ausgaben gehen ebenfalls auf den Beginn der 90er zurück, als FreeBSD mit dem Ziel ausgefeilter Netzwerkfunktionen gestartet wurde. Während heute beinahe der gesamte Datenverkehr über Ethernet abläuft, sah die Welt damals noch einige andere Technologien vor. FreeBSD geht weniger streng mit der Qualität externer Programme um als NetBSD, die Entwickler möchten die Balance zwischen Bedienbarkeit und ausreichender Sicherheit auf dem Server halten.

Die aktuelle Version von FreeBSD trägt die Nummer 8.0, die kommende Ausgabe 8.1 steht als zweiter RC (Release Candidate) schon in den Startlöchern. Derzeit gibt es FreeBSD für die Architekturen i386, ia64 und amd64, PC98 sowie PowerPC- und SPARC-Prozessoren. Zu jeder Plattform gibt es eine Boot-CD mit knapp 650 Megabyte sowie eine komprimierte Installations-DVD, die weniger als zwei Gigabyte beim Download in Anspruch nimmt. Auf Wunsch kann die Einrichtung auch von einer Mini-Boot-CD gestartet werden, die dann über die Netzwerkkarte aus dem Internet nur die jeweils benötigen Programme nachlädt.

Software-Pakete direkt über die Quellen

FreeBSD ist insgesamt zwar schnell installiert, doch nur wenn man den Assistenten genau kennt und exakt die Hinweise in der Dokumentation beachtet. Anwender haben die Wahl zwischen drei Modi: Unter Standard versteht FreeBSD, dass vom Benutzer alle wichtigen Details abgefragt werden, eine ausführliche Hilfe seine Entscheidungen aber leichter macht. Die Express-Variante bietet gleiche Optionen wie der Standard-Modus, lässt aber die meisten Rückfragen weg. Für Experten gibt es noch einen dritten Modus.

FreeBSD gibt sich nicht sehr international: Der Installationsassistent ist komplett in Englisch gehalten, in der Partitionierung müssen Nutzer mit einem absolut unkomfortablen Programm auf der Konsole leben. Hat man es einmal geschafft, FreeBSD ans Laufen zu bekommen, präsentiert sich eine stabile BSD-Distribution. Über Gnome 2.30, das anders als der X.org-Server nicht als Standard installiert wird, ist die Bedienung des PCs genauso leicht wie unter jedem anderen Linux- oder alternativen BSD-Betriebssystem.

FreeBSD hat mit NetBSD gemeinsam, dass Software über die Paketverwaltung nicht einfach geladen und in das System installiert wird, sondern FreeBSD nur die Quellen bezieht. Die Paketverwaltung besorgt dann die Kompilierung des Quellcodes auf dem eigenen System, was bei großen Projekten mitunter recht zeitintensiv ist. FreeBSD hat dieses Konzept der sogenannten Ports perfektioniert, über 20.000 Programme stehen über die Paketquellen zur Installation an. In NetBSD heißt das System pkgsrc, die Unterschiede sind gering.

PC-BSD

Erst am 20.07.2010 wurde die neue Version PC-BSD 8.1 freigegeben. Sie basiert im Kern auf dem Release Candidate von FreeBSD 8.1, der an vielen Stellen aber kaum mehr zu erkennen ist. Ziel des PC-BSD ist es, möglichst viele Heimanwender zur BSD-Familie zu bringen. Wo NetBSD und FreeBSD eher ein universelles Betriebssystem für Server und Desktop sein möchten, orientiert sich das BSD-Derivat klar an den Wünschen der Heimanwender: Einfache Installation, Sicherheit und eine aktuelle Auswahl an Software.

Ganz so komfortabel geht es beim Download aber nicht zu: Der neue Nutzer hat nur die Wahl zwischen dem recht großen DVD-Abbild mit 3,4 Gigabyte und einer USB-Variante, die sogar noch etwas größer ist. Für CD oder kleine USB-Sticks gibt es keine ISO-Dateien. Für den langen Download entschädigt dann der Assistent zur Installation: Schon der Splash-Bildschirm begrüßt den BSD-Anwender mit einem schönen Logo von PC-BSD. Während praktisch alle anderen BSD-Derivate auf die textbasierte Installation setzen, wird hier immer die grafische Variante vorgezogen. Der Assistent hilft bei der Partitionierung sehr gut, erkannte vorhandene Linux-Betriebssysteme im Test sehr zuverlässig aber kein aktuelles Microsoft Windows 7.

Moderne Oberfläche über KDE SC 4.4.5

Die unterstützte Hardware ist mit FreeBSD identisch, da PC-BSD nichts an der Auswahl der Treiber ändert. Die aktuelle Version PC-BSD 8.1 nutzt für die grafische Oberfläche den X.ORG-Server, installiert zusätzlich aber noch den aktuellen KDE-Desktop. Mit KDE SC 4.4.5 hat PC-BSD sogar die Nase vor der erst Mitte des Monats erschienen Linux-Distribution OpenSUSE, die nur KDE 4.4.4 beinhaltet. Durch KDE besitzt PC-BSD einen sehr guten Browser (Konqueror), ein Sorglos-Paket fürs Büro (KOffice) und viel mehr.

Statt des komplizierten Port-Systems für neue Programme haben die Entwickler das PBI-Format umgesetzt. Im Gegensatz zu den RPM- oder DEB-Dateien unter Linux muss das Betriebssystem bei der Neuinstallation einer Anwendung niemals die Abhängigkeiten zu dritter Software und Bibliotheken überprüfen und gegebenenfalls manuell auflösen, sondern kann direkt die Software installieren: PBI-Dateien kapseln in einer einzigen Datei neben dem Programm auch alle Abhängigkeiten. Damit sind sie zwar rießig gegenüber, die Installation ist für Heimanwender aber besonders einfach. Im Netz gibt es diverse PBI-Paketverzeichnisse.

OpenBSD und DragonFly

Eher selten trifft man auf Installationen von OpenBSD, das Mitte der 1990er von NetBSD abgespalten wurde und noch immer viele Gemeinsamkeiten mit diesem hat. Die Entwickler des Projekts treten besonders dafür ein, dass nur vollständig freie Software ohne irgendwelche Rechtsprobleme mit dem Betriebssystem gepackt wird. OpenBSD 4.7 wurde im Mai 2010 veröffentlicht und setzt auf den Fenster-Manager JWM, sodass auch ungebüte Anwender damit arbeiten - in der Praxis scheitert aber die Installation sehr oft. Zwar gibt es einige Umfragen, die OpenBSD in der Verbreitung noch vor NetBSD sehen, doch diese muss man anzweifeln: Sie beziehen lediglich das professionellen Server-Umfeld ein, auf dem Desktop ist es kaum zu finden.

Eine weitere BSD-Distribution ist DragonFly, die auf der FreeBSD-Codebasis basiert. Die Entwickler arbeiten besonders an der Schnelligkeit des Systems, damit auf Mehrkern-Prozessoren diese sich wirklich sicher und effizient nutzen lassen. Leider sind nach der Abspaltung von FreeBSD seit 2003 einige Neuerungen nicht in das Projekt DragonFly eingeflossen: So fehlt derzeit die Unterstützung für Power-Management mittels ACPI, was auf modernen Rechnern ein großer Nachteil ist. Das experimentelle Dateisystem Hammer besitzt zwar eine Versionierungs- und Sicherungs-Funktion, kann mit ZFS oder Ext aber nicht mithalten.

Fazit

Im Kurztest liegt ganz klar PC-BSD vorne: Die komfortable Installation merzt steht Linux-Distributionen nicht nach. Die BSD-Distribution bringt mit KDE 4.0 eine zuverlässige Umgebung mit, um das Betriebssystem auch auf dem Desktop zu nutzen. Es basiert auf dem soliden FreeBSD, das sich im Überblick direkt hinter PC-BSD einreiht - viele Anwender dürften auch mit diesem System glücklich werden. Positiv sticht hervor, dass es auf dem Server auch eine lange Tradition hat und Sicherheit sehr viel Raum einnimmt.

Die Bedienung von NetBSD fällt dagegen viel schwerer: Komplizierte Installation mit grafischem Server ohne Fenster-Manager und Schwächen bei der Hardware-Konfiguration zeichen das Betriebssystem nicht gerade für den Endanwender aus. Noch erheblich schwieriger wird es bei OpenBSD und DragonFly BSD - will man die Systeme nicht auf Servern einsetzen, sollten Privatleute davon Abstand nehmen. Sie sind einfach viel zu kompliziert und tückisch im Detail, als dass man schnell damit Erfolgserlebnisse erzielen kann.

Kommentare zu diesem Artikel

Neben Linux gibt es noch eine ganze Reihe anderer Unix-Abkömmlinge, die auf Servern im Einsatz sind - doch nur die wenigsten arbeiten passable auf dem heimischen Computer. Mit PC-BSD und einigen anderen gibt es löbliche Ausnahmen, die auch Privatleute bedienen können. Netzwelt stellt die Systeme vor.

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  • Markus Franz schrieb Uhr
    AW: BSD-Familie: Die modernen Distributionen im Kurztest

    @knarf: Danke für die Hinweise.
  • knarf_ schrieb Uhr
    AW: BSD-Familie: Die modernen Distributionen im Kurztest

    Leider werden in diesem von Google News propagierten Artikel einige Dinge falsch dargestellt. Natuerlich gibt's in FreeBSD auch binary packages, diese nennen sich Packages. Wenn man aus den Sourcen compiliert spricht man von Ports. Und auf der DVD sind alle Packages drauf (ausser natuerlich die, die man nicht als Binary vertreiben darf). Das "absolut unkomfortable Programm" auf der Konsole zur Partitionierung tut genau das, was man will, vorausgesetzt man hat die FreeBSD-Terminologie Slices und Partitions verstanden. Das wirkliche Manko ist jedoch, dass man damit kein ZFS-only-System installieren kann. PC-BSD 8.1 basiert nicht auf 8.1-RC2, sondern auf 8.1-RELEASE, seit 17.07.2010 steht fest, dass 8.1-RELEASE am 20.07.2010 fertig sein wird (siehe /usr/src/UPDATING). P.S.: Wie viele Versuche habe ich jetzt gebraucht, um diesen JavaScript-Cookie-Captcha-Wahn zu ueberwinden?

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BSD-Familie: Die modernen Distributionen im Kurztest
BSD-Familie: Die modernen Distributionen im Kurztest
FreeBSD, NetBSD, PC-BSD - diese Unix-Distributionen und andere sind mehr oder minder nützlich für Privatleute.
http://www.netzwelt.de/news/83449-bsd-familie-modernen-distributionen-kurztest.html
2010-07-25 11:40:49
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