Junge Mädchen im Netz

Verkehrte Netzwelt: Die gefährlichsten Anwender der Welt

Eine halbe Stunde lang habe ich meiner Tochter erklärt (versucht zu erklären!), wie Blende und Tiefenschärfe bei einer Kamera zusammenhängen. Sie wollte das wissen. Sie fand vor allem das Geräusch des Spiegelschlags bei der digitalen Spiegelreflexkamera Pentax Kx so cool, so "profimäßig".

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Wahrscheinlich zu oft "Germany's Next Topmodel" gesehen. Die vielen Fotoshootings. Also hab ich's ihr erklärt. Blende, Brennweite, Verschlusszeit, Belichtung, den ganzen technischen Kram.

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Danach sauste sie begeistert mit der SLR durch die Wohnung, fotografierte Topfpflanzen und Bücherregale, sich selbst im Spiegel und die Fotos an der Wand. Dann schwenkte sie die Kamera vor meiner Nase herum und krähte triumphierend: "Wenn die Blende hochgeht, dann blitzt es, stimmt's?" Sie meinte den eingebauten Blitz, der beim Fotografieren regelmäßig mit einem schönen Schnappgeräusch herausspringt. Ich wusste keine Antwort, ich wusste nur, dass ich versagt hatte. All meine Erklärungen - vergebens.

Surfen bis der Arzt kommt

Und das ist das, was mir Angst macht. Wenn technisch völlig desinteressierte Menschen wie meine Tochter und all ihre Freundinnen den PC einschalten und ins Internet gehen, dann wird's gefährlich. Denn wenn sie nicht wissen, was Blende und Blitz ist, dann wissen sie auch nicht, was Viren und Trojaner sind. Aber zugleich surfen sie unverdrossen durchs Web, holen sich Musik von dubiosen Webradios, klicken auf Dateianhänge, laden Bilder auf Flickr hoch, konvertieren Youtube-Musikvideos in MP3-Files um, was weiß ich noch alles. Keine Zeit für Sicherheit.

Der Rechner der Mädels hat einen Virenscanner, den hat ihr großer Bruder installiert. Aber auf die Idee, den mal über die Festplatte laufen zu lassen, sind sie noch nie gekommen. Das Windows-Update wartet seit Wochen darauf, dass der Download der Sicherheits-Patches gestartet wird, aber die Mädels wissen ja nicht mal, welchen Sinn das Windows-Update hat.

Einmal hab ich meine Tochter gefragt, ob sie auch die Firewall aktiviert hat. "Firewall???" Uups. Dann musste sie aber gleich wieder an den PC, weil der Moritz sich über den MSN Messenger gemeldet hat, und außerdem kam über Facebook eine Meldung rein: Lisa hat Fotos von der Abi-Party gepostet. Gleich mal reinklicken. Seine sozialen Kontakte in Facebook pflegen, sich gleichzeitig den Wikipedia-Artikel über Jeanne d´Arc ins Word reinzukopieren und im Messenger antworten, während der Blackberry Curve rot blinkend eine SMS anzeigt - das ist Stress pur. Mädchen kommen damit klar. Sie sind die wahren Power-User unserer Zeit. Aber für so langweilige Dinge wie Sicherheit haben sie einfach keinen Nerv.

Hocheffiziente Virenschleuder

So kommt es, dass eine Armee von Millionen junger Frauen sich durchs Internet mailt, chattet und postet, ohne einen Gedanken an Risiken zu verschwenden. Ihr Computer ist jeden Tag 16 Stunden online, eine hocheffiziente Virenschleuder und Spam-Maschine.

Dabei gibt es auch die anderen Mädchen. Die Nerd-Girls zum Beispiel oder der Counter-Strike-Clan "Snogard Dragons". Die sind in puncto Hightech hundertprozentig auf Draht. Aber sie sind die Ausnahme.

Jede Epoche hat ihre Räuber und Jäger. In der Kreidezeit war es der T. Rex. Im Miozän der Säbelzahntiger. In der Spätantike verbreiteten die Hunnen Angst und Schrecken. Und im virtuellen Zeitalter sind es junge Mädchen, die postend, chattend und downloadend durchs WWW pflügen. Sie sind - die gefährlichsten Anwenderinnen der Welt.

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