Von Menschen an Flughäfen und ihren Macken
Verkehrte Netzwelt: Bitte warten
Etwa die Hälfte der beruflichen Zeit eines Technik-Redakteurs geht fürs Warten drauf. Warten auf den Rückruf, aufs Testgerät, auf den Termin, auf Apple, auf Microsoft, aufs Update. Die Wartezeit an Flughäfen lässt sich durch das Beobachten von Menschen verkürzen.

Inhaltsverzeichnis
- 1Der Hektische
- 2Die mit der Jogginghose
- 3Der Smarte
- 4Der Technikbesessene
- 5Die Raucher
- 6Die Ängstlichen
Mit der Zeit lernt man, Flughafen-Wartende nicht über einen Kamm zu scheren. Außerdem ist es praktisch zu wissen, welche Gattung Reisender einem da im Stuhl gegenüber die ganze Zeit anschaut. An Flughäfen verfallen Menschen in ein animalisches Muster, sie fahren alle Systeme herunter, um sich ganz ihrem aktuellen Bedürfnis widmen zu können. Das macht ihre Beobachtung spannend.
Der Hektische
Streng genommen ist Hektor gar kein Wartender, denn er hat ständig alle Hände voll zu tun. Er kommt selbstredend mit dem Taxi am Flughafen vorgefahren. 40 Minuten bevor der Check-In-Schalter dichtmacht, reißt er die Tür vom Wagen auf, springt mit einem beherzten Satz in Richtung Eingangs-Drehtüre und lässt dabei den unglücklichen Taxifahrer ohne Trinkgeld im Regen stehen.
Hektor checkt 24 Stunden vor Abflug online ein. Das macht er immer so. Nur eben dieses Mal nicht. Das macht Hektor jetzt arg zu schaffen und bringt ihn völlig aus der Puste. Ohne Rücksicht auf Verluste hechtet Hektor zu einem Security-Mitarbeiter: "Tschuldigung, Check-In-Schalter, Terminal, LH342, Kaffee?", ist die Kurzform seiner aktuellen Bedürfnisse, die im Gesicht des Security-Mitarbeiters keine nennenswerte Reaktion hervorruft. Immerhin reicht es für ein "Vorne links" samt angedeuteter Handbewegung.
Natürlich erwischt Hektor seinen Flug. Hektiker erreichen ihren Flug immer, was in der Natur der Sache liegt. Sonst wären diese Menschen nicht hektisch, sondern entspannt. Zu entspannt darf man als Reisender am Flughafen allerdings nicht sein. Womit der nächste Typ Flughafen-Wartender seinen Auftritt bekommt.
Die mit der Jogginghose
Cindy und Torsten sind das Paradebeispiel für Reisende, die einfach zu entspannt unterwegs sind. In Jogginghose und Schlabber-Pulli haben sie es sich auf Grund verschärfter Sicherheits-Vorkehrungen über vier Stunden vor Abflug in den Plastikstühlen der Wartehalle bequem gemacht. Mit Sehschlitzen, eng wie der Münzeinwurfschacht des Cola-Automaten lungern sie jetzt herum und schauen verträumt dem Treiben am Abfertigungsschalter hinterher.
Cindy hat ihren Knuffelbären unterm Arm. Unter Torstens Kapuze blitzt standesgemäß ein aufblasbares Nackenkissen hervor. Ein Finger seiner rechten Hand bohrt in der Nase, während die Kollegen der linken Hand auf Erkundungsreise im Schritt gehen. Hier irgendwo muss auch der Grund für dieses ständige Jucken zu finden sein.
Das Audio-Gewitter aus "Sicherheitshinweis: Bitte lassen Sie ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt", "Der Fluggast Hektor H. wird zum Schalter A34 gebeten" oder "Der Flug BA652 ist jetzt bereit zum Starten, bitte begeben Sie sich zum Ausgang B89" hat zur Folge, dass die beiden nicht mehr in der Lage sind, die für sie relevanten Informationen herauszufiltern. Natürlich hören Cindy und Torsten daher auch den Aufruf für ihren Flug nicht. Dafür freut sich die Automaten-Industrie über Kunden wie Cindy und Torsten, die jetzt wiederum auf den nächsten Flug warten.

Im Forum diskutierenBeiträgeinsgesamt 2 Beiträge
die Hälfte der Zeit heisst Dieter übrigens Werner merk ich grade... ka wie das passieren konnte, wahrscheinlich Überforderung...
Unterhaltsamer Artikel. Da hatte wohl jemand Zeit und Lust was zu schreiben? :) Die hab ich grade auch, darum füge ich mal schnell den vergessenen orientierungslosen und überforderten Flugreisenden...