Verkehrte Netzwelt: Egoshooter als Karriere-Helfer
Duell am Gummibaum
Tag zwei nach einer langen Egoshooter-Sitzung begann mit übersäuertem Magen von Pizza und Cola, roten Augen und Schmerzen in der Hand. Kein nennenswerter Anstieg des Gewaltbereitschaft zu spüren. Obwohl gerade in der U-Bahn morgens, wenn kein Sitzplatz mehr frei ist und man mit 500 Menschen dicht an dicht steht, könnte man schon mal ausrasten. Irgendwie hatte ich insgeheim gehofft, meine von der langen Shooter-Session beschleunigte Reaktionsfähigkeit, mein stechender Blick und entschlossener Gang würden morgens helfen, einen Sitzplatz in der U-Bahn zu bekommen.
Doch niemand macht Platz. Auch nicht in der Firma. Kein bisschen Respekt. Die Kollegin hat mich angeblafft, dass ich vergessen hätte, den Ficus Benjamina zu gießen. Das wäre die Chance gewesen, mit schneidender Stimme etwas absolut Unverschämtes zu sagen und sie dabei mit blutunterlaufenen Augen anzustarren. Ihr eine Lektion zu erteilen. Ich begnügte mich damit, eine Entschuldigung zu murmeln und mir dabei vorzustellen, wie ich der Schreibtisch-Zicke ... aber lassen wir das.
Egoshooter-Therapie gescheitert
Ein paar Abende habe ich es noch probiert. Bin zu anderen Titeln gewechselt - noch härter und realistischer. Ab 18. Doch auch hier, kein nennenswerter Anstieg der Aggression. Sobald ich die Wohnung verlasse, bin ich wieder träge und friedlich wie zuvor. Soeben habe ich noch ganze Siedlungen mit einem Panzer der Goliath-Klasse in Schutt und Asche gelegt hatte. Jetzt helfe ich Omas über die Straße, lächle Kleinkindern zu und halte Mitbürgern die Tür auf.

Ich gehöre zu den Menschen, bei denen die Egoshooter-Therapie einfach nicht anschlägt. Aber ein paar Dinge muss man festhalten. Das Ballern am Computer hat Spaß gemacht. Bei den Waffen mag ich die Flak Cannon am liebsten, das kracht so richtig schön. Die Handlung ist idiotisch, die Musik öde, aber Optik und Szenarien sind faszinierend. Und den Suchtfaktor habe ich auch verspürt. Schon am ersten Abend konnte ich nicht mehr aufhören.
Vermutlich gibt es Menschen, bei denen die Egoshooter-Therapie besser anschlägt als bei mir. Aber die möchte ich, ehrlich gesagt, gar nicht unbedingt kennenlernen. Im Büro habe ich jetzt eine andere Strategie gefunden. Ich gieße einmal pro Woche den Ficus Benjamina. Und zu Hause spiele ich jetzt wieder "Die Siedler".
