Psycho-Experiment mit Killerspiel

Verkehrte Netzwelt: Egoshooter als Karriere-Helfer

Machen Killerspiele aggressiv? Verwandeln Ballerabende einsame und frustrierte Menschen in wandelnde Zeitbomben? Und nicht zuletzt: Hilft das vielleicht sogar der Karriere auf die Sprünge? Die Verkehrte Netzwelt wagt den nicht ungefährlichen Selbstversuch.

Unreal Tournament 3
Unreal Tournament 3: Wer lange zögert, ist schnell tot: Eine Spielszene. (Bild: Epic Games)

Letzte Woche hatte ich ein unangenehmes Gespräch mit meinem Chef. Er meinte, ich sei nicht aggressiv genug. Ich bräuchte mehr Präsenz, Biss, Duchsetzungsvermögen, Entscheidungsstärke, all das. Deprimiert schlich ich nach Feierabend durch die Multimedia-Abteilung eines Kaufhauses, um mich mit einem neuen PC-Spiel zu trösten. Vielleicht "Die Siedler" oder dergleichen.

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Da kam mir die Idee. Egoshooter! Die sollen doch aggressiv machen. Verwandeln sensible Menschen in kaltblütige Killer. Sogar die US-Army trainiert mit Ballerspielen. Da muss also was dran sein, an der Behauptung, dass solche Spiele brutalisieren. Genau das brauchte ich. Killerspiel als Therapie für Weicheier. Also hab ich mir "Unreal Tournament 3" gekauft.

Nicht der brutalste Titel, aber genug für den Anfang. Später, bei fortgeschrittenem Aggressions-Training, könnte ich ja auf härtere Kost umsteigen. Mein Chef würde sich wundern über die Veränderungen, die langsam aber unaufhaltsam mit mir passieren. Den ganzen Abend habe ich damit verbracht, Unreal Tournament zu installieren und die ersten Missionen auszuprobieren. Ein Söldnerteam rächt sich an Leuten, die ihre Heimatkolonie zerstört haben. Ich startete den Modus Deathmatch, wo es gleich zur Sache geht.

"Du bist tot."

Zugegeben, für Grobmotoriker und Langsamklicker ist aller Anfang schwer. Da springt zum Beispiel irgendein Typ um die Ecke. Man denkt dann ungefähr Folgendes: "Ok, den mach ich fertig. … Welche Waffe soll ich jetzt nehmen? … Mmh, mal sehen, die Stinger Minigun, die Bio Rifle, Flak Cannon, den Impact Hammer oder den Rocket Launcher? … Ok, jetzt zielen. Wo war gleich nochmal die Taste für Feuern?" Bevor man das zu Ende gedacht hat, knallt es, und eine boshafte Stimme bellt: "Du bist tot." Es ist nicht wirklich motivierend, wenn man das 20 Mal hintereinander erlebt.

Am nächsten Tag war noch kein wesentlicher Anstieg des Testosteron-Spiegels festzustellen. Höchstens die Hand hat mir vom Ballern weh getan. Ich habe alle freundlich gegrüßt und bin dem fiesen Kollegen aus der Vertriebsabteilung auf dem Gang ausgewichen.

Am zweiten Abend ging es dann schon besser. Ich habe mir - wie es sich für einen Gamer gehört - eine 1,5-Liter-Flasche Cola und eine große Pizza Margherita gekauft. Dann bis drei Uhr morgens im Team Ronin gefightet. Nach und nach konnte ich ein paar Gegner der Necris-Armee wegputzen. Das war schön.

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Im Forum diskutierenBeiträgeinsgesamt 6 Beiträge

Bravo ! Ein wirklich guter Beitrag, der - bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik - sehr zum Schmunzeln anregt. Mir haben besonders "die fiesen Kollegen aus der Vertriebsabteilung" gefallen ;-)

leider ist es auch so, dass es nicht ganz unerheblich ist, in welchem Alter man mit dem Spielen anfängt. Eine Tatsache zeigt sich nämlich, wenn man mit solchen spricht, die von klein auf spielen; man merkt oft...

eigentlich ist ja der Denkansatz falsch man wird nicht aggressiv, weil man Killerspiele spielt, sondern man spielt Killerspiele wenn man aggressiv ist. Kenn das bei mir, hat mich meine...

Schöne Geschichte, da sieht man mal, dass die Agression durch das Spielen von sog. Killerspiele nicht zwangsläufig steigt. Scheinbar funktioniert es nur, wenn der Spieler es nicht will :D

Eine toller Selbstversuch! Aber das Resultat war ja irgendwie von vornerein schon klar: Wie bitte sehr, soll man durch ein Ballerspiel oder ähnliches agressiv werden. Denn wäre das wirklich...

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