Spieletest: Anno 1404

Anspruchsvolle Untertanen

Bei 24 Rohstoffen und über 60 Waren bedarf es denn auch einiger Zeit, bis sämtliche Warenkreisläufe erforscht und in Schwung gebracht sind. Ob Beduine oder Bauer spielt hinsichtlich der bekannten Aufstiegskriterien keine Rolle. Die Auswahl an Gebäuden und Produktionsstätten erhöht sich, sobald eine bestimmte Einwohnerzahl die aktuelle Zivilisationsstufe erklommen hat.

Damit steigen auch die Ansprüche der Bevölkerung: Bauern und Bürger geben sich mit Fisch, Most und Klamotten aus Hanf zufrieden. Patrizier und Adlige wollen ihr Doppelkinn hingegen auf Lederwämse betten und den Pöbel mit sündhaft teuren Schuldentürmen auf Distanz halten.

Anno 1404: Großbau in Konstruktion
Anno 1404: Kaiserdom und Sultanspalast setzen die architektonischen Ausrufezeichen der jeweiligen Kultur.
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Das Resultat sind immer komplexere Infrastrukturen samt steigender Betriebskosten. Um dennoch einen ausgeglichen Haushalt zu erzielen, sollten überschüssige Waren gehandelt und Bürger aller Schichten zur Kasse gebeten werden. Doch Vorsicht: Wird die Steuerschraube überdreht, brodelt die Volksseele und ein gesellschaftlicher Abstieg der betroffenen Klasse droht.

Ladezeiten: Gefühlte 14:04 Minuten

Auf potenten Rechnern sieht "Anno 1404" fabelhaft aus. Damit auch schwächere Rechner – die Untergrenze gibt der Hersteller mit einen 3-GHz-Prozessor, einem GB RAM und Shader 2.0-fähiger Grafikkarte an – mit der Darstellung der mittelalterlichen Welt fertig werden, darf unter anderem die Qualität von Texturen oder Schatten stufenweise angepasst werden. Die Liste der Grafikparameter ist so lang wie die zum Laden neuer Karten erforderliche Zeit, die sich wie ein Segel bei starkem Wind blähen kann.

Detailverliebte Darstellung

Belohnt wird die aufzubringende Geduld mit einer hingebungsvoll gestalteten Miniaturwelt. Markierungsbojen hinterlassen herrlich animierte Wellen im Ozean, Betriebe hüllen sich in dichten Qualm und allenthalben kräuseln sich Sonnenstrahlen auf einer plastisch wirkenden Wasseroberfläche.

Außerdem wirkt das Stadtbild im Vergleich zu den Vorgängertiteln realistischer, weil nicht mehr alle bescheidenen Behausung wie an einer Schnur gleichzeitig hoch gezogen werden, selbst wenn deren Bewohner ausreichend versorgt sind. Somit sind stets sämtliche Klassen auf einem Eiland vertreten, ungeachtet des Zivilisationsfortschritts.

Anno 1404: Diplomatie-Menü
Anno 1404: Schmeicheln, schmarotzen, Krieg erklären - Das nachvollziehbare Verhalten der Computergegner auf diplomatischer Ebene ist genauso gut gelungen wie deren Sprachausgabe.

Auch Musik liegt in der Meeresluft. Je nach Aufenthalt wechseln zauberhafte Orchesterstücke für das Abendland mit exotischen Klangteppichen des Morgenlandes ab. Weil auch die Sprecher ganze Arbeit geleistet haben, dürfte "Anno 1404" den einen oder anderen Audio-Award abstauben. Besonders erwähnenswert: Der herrliche Sprecher des blasierten Guy Forcas

Mitspieler sind Mangelware

Keine Kritik also? Doch, ein wenig: Der eingeschränkte Zoom-Modus verhindert, dass der Spieler seinen virtuellen Untertanen so nahe kommen kann, wie es etwa bei "Die Siedler" der Fall war. Neben kosmetischen Abstrichen bringt dies auch den Nachteil, dass bei einer Auflösung jenseits der WXGA-Grenze ein Edelmann schwer von einem Normalbürger zu unterscheiden ist.

Das wäre noch zu verschmerzen, wenn nicht im Zuge der Kampagne einzelne Spielfiguren per Mausklick selektiert werden müssten. Und auch die sonst so verführerische Vorstellung der einsamen Insel hat im Falle von "Anno 1404" einen Haken: Mangels Netzwerkmodus fehlt die Gelegenheit, mit menschlichen Kontrahenten um die Wette zu siedeln.

Fazit: Glanzstück der "Anno"-Serie

Mit dem vierten Teil der "Anno"-Reihe gelang den Mainzer Entwicklern von Related Designs der bis dato beste Ableger der Serie. Damit übertrifft das Strategiespiel sogar den rundum gelungenen Vorgänger "Anno 1701", der grafisch und spielerisch die lange überfällige Generalüberholung der Serie einleitete. Dem faszinierendem Spiel ist in vielerlei Hinsicht anzumerken, mit welcher Hingabe es produziert wurde – leider keine Selbstverständlichkeit in einer Branche, für die möglichst geringe Entwicklungsphasen inzwischen ebenso wichtig sind wie maximaler Profit.

Wer sich als "Anno"-Herrscher verdingen möchte, sollte allerdings viel Zeit und Geduld mitbringen. Der motivierende Titel zieht den Spieler in seinen Bann. Daran können weder das hohe Alter der Serie noch mehrstündige Spielsitzungen etwas ändern. Wer sich dem Annofieber zu lange aussetzt riskiert Augenringe und - nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Mehrspielerteils - verringerten Kontakt zu Freunden und Familie.

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