Sie sind hier:
 

Spieletest: Anno 1404
Inseln der Glückseligkeit

von Michael Dees Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Mit dem vierten Teil der "Anno"-Reihe gelang den Mainzer Entwicklern von Related Designs der bis dato beste Ableger der Serie. Damit übertrifft das Strategiespiel sogar den rundum gelungenen Vorgänger "Anno 1701", der grafisch und spielerisch die lange überfällige Generalüberholung der Serie einleitete.

Was waren "Annoholiker" bisher bescheiden: Ein paar tropische Inseln, eine Schiffsflotte und ein ergebenes Volk sorgten für zufriedene Spieler. "Anno 1404", der neueste Teil der erfolgreichen deutschen Strategiespielreihe, bricht mit dem Bescheidenheitsprinzip: Die Spielbevölkerung nebst Handelswaren ist durch die Ausweitung der Spielwelt auf den Orient förmlich explodiert. Und die virtuellen Untertanen des Spielers fordern neben Brot und Spielen auch gigantischen Bauwerke. Grundlegendes hat sich aber nicht geändert – zum Glück!

Kopierschutz sorgt für Unmut

Geht es um Computerspiele, mutiert das größte Online-Versandhaus schon mal zur Protestplattform. Hunderte Rezensenten haben "Anno 1404" mittels Amazon-Bewertung derart abgewatscht, dass unterm Strich nicht einmal 2,5 Sternen stehen. Vorweggenommen: An der Qualität des Titels liegt es nicht.

ANNO1404

Zurück XXL Bild 1 von 8 Weiter Bild 1 von 8
Auch im virtuellen Mittelalter herrscht nicht immer eitel Sonnenschein - Brände bedrohen die Siedlungsidylle und fordern schnelles Handeln.

Stein des Anstoßes ist der von Publisher Ubisoft eingesetzte Kopierschutz, der eine Online-Aktivierung vorsieht und maximal drei Freischaltungen des Spiels gestattet. Was vielen Strategiefans besonders aufstößt ist die Tatsache, dass für sie das Spiel schon zu Ende ist, bevor es überhaupt losgeht - scheitern sie doch bereits an der Erstaktivierung.Kampagne: Von Okzident bis Orient

Wir hatten mehr Glück und durften nach einer reibungslosen Installation die umfangreiche Kampagne in Angriff nehmen. Diese versetzt den Spieler Anfang des 15. Jahrhunderts in die Turbulenzen eines anstehenden Kreuzzuges. Doch obwohl der Spieler zu Beginn der Kampagne die abendländischen Kriegsvorbereitungen durch Hilfslieferungen unterstützt, wechselt er unter dem Eindruck eines Überfalles auf die Orientalen die Seiten.

Fortan stellt er sein strategisches Geschick auch in die Dienste des Morgendlandes, bestellt Felder, errichtet Bauwerke, treibt Handel und bekämpft letztlich die finsteren Hintermänner des Feldzuges mit Schlachtschiffen, Heer und Festungsanlagen. Die Elemente aus Strategie und Wirtschaftssimulation verbinden sich zu einem Spielerlebnis, das den Spieler lange vor den Monitor fesselt. Insofern ist es keine belanglose Nettigkeit, wenn das Programm alle zwei Stunden eine Spielpause anrät.

Anno 1404: Das überarbeitete Kampfsystem unterscheidet sich durch die indirekte Steuerung von Echtzeit-Strategiespielen wie "Age of Empires". Landstreitkräfte werden durch die Verlegung mobiler Heerlager kommandiert.

Rackern für den Aufstieg

Neben dem obligatorischen Endlosspiel und einigen Szenarien bildet die hübsch inszenierte Kampagne das Herzstück von "Anno 1404". Acht Kapitel lang nimmt sie den Spieler in die Pflicht. Zwar steht die Besiedelung fruchtbarer Inseln und die Kultivierung karger Wüstenatolle klar im Mittelpunkt, obendrein gilt es aber eine ganze Reihe von Aufträgen abzuarbeiten. So wollen havarierte Kindersklaven per Wassertaxi aus den Fluten gerettet werden, oder arabische Flüchtlinge suchen Schutz vor den Kanonen der Kreuzfahrer.

So freudlos wie noch in "Anno 1503" gestalten sich diese Transportmissionen erfreulicherweise nicht, zumal nach getaner Arbeit Belohnungen in Form von Ruhmespunkten winken. Diese können gegen Boni eingetauscht werden, die beispielsweise die Kampfkraft von Schiffe erhöhen.

Dennoch folgen die Aufträge mit Ausnahme einiger Kopfgeldmissionen stets dem gleichen Strickmuster: Ein Verbündeter will je zehn Tonnen Datteln und Ziegenmilch, ein anderer benötigt für eine Abschrift einige Tonnen Papier samt Indigo, danach steht der Transport bestimmter Urkunden an. Umso begrüßenswerter ist die Entscheidung der Entwickler, den Spieler bei deren Ausübung so gut wie nie unter Zeitdruck zu stellen. So können sich Stadtplaner ausgiebig dem Auf- und Ausbau ihrer Siedlungen und Kolonien widmen.

Bei 24 Rohstoffen und über 60 Waren bedarf es denn auch einiger Zeit, bis sämtliche Warenkreisläufe erforscht und in Schwung gebracht sind. Ob Beduine oder Bauer spielt hinsichtlich der bekannten Aufstiegskriterien keine Rolle. Die Auswahl an Gebäuden und Produktionsstätten erhöht sich, sobald eine bestimmte Einwohnerzahl die aktuelle Zivilisationsstufe erklommen hat.

Anspruchsvolle Untertanen

Damit steigen auch die Ansprüche der Bevölkerung: Bauern und Bürger geben sich mit Fisch, Most und Klamotten aus Hanf zufrieden. Patrizier und Adlige wollen ihr Doppelkinn hingegen auf Lederwämse betten und den Pöbel mit sündhaft teuren Schuldentürmen auf Distanz halten.

Anno 1404: Kaiserdom und Sultanspalast setzen die architektonischen Ausrufezeichen der jeweiligen Kultur.

Das Resultat sind immer komplexere Infrastrukturen samt steigender Betriebskosten. Um dennoch einen ausgeglichen Haushalt zu erzielen, sollten überschüssige Waren gehandelt und Bürger aller Schichten zur Kasse gebeten werden. Doch Vorsicht: Wird die Steuerschraube überdreht, brodelt die Volksseele und ein gesellschaftlicher Abstieg der betroffenen Klasse droht.

Ladezeiten: Gefühlte 14:04 Minuten

Auf potenten Rechnern sieht "Anno 1404" fabelhaft aus. Damit auch schwächere Rechner – die Untergrenze gibt der Hersteller mit einen 3-GHz-Prozessor, einem GB RAM und Shader 2.0-fähiger Grafikkarte an – mit der Darstellung der mittelalterlichen Welt fertig werden, darf unter anderem die Qualität von Texturen oder Schatten stufenweise angepasst werden. Die Liste der Grafikparameter ist so lang wie die zum Laden neuer Karten erforderliche Zeit, die sich wie ein Segel bei starkem Wind blähen kann.

Detailverliebte Darstellung

Belohnt wird die aufzubringende Geduld mit einer hingebungsvoll gestalteten Miniaturwelt. Markierungsbojen hinterlassen herrlich animierte Wellen im Ozean, Betriebe hüllen sich in dichten Qualm und allenthalben kräuseln sich Sonnenstrahlen auf einer plastisch wirkenden Wasseroberfläche.

Außerdem wirkt das Stadtbild im Vergleich zu den Vorgängertiteln realistischer, weil nicht mehr alle bescheidenen Behausung wie an einer Schnur gleichzeitig hoch gezogen werden, selbst wenn deren Bewohner ausreichend versorgt sind. Somit sind stets sämtliche Klassen auf einem Eiland vertreten, ungeachtet des Zivilisationsfortschritts.

Anno 1404: Schmeicheln, schmarotzen, Krieg erklären - Das nachvollziehbare Verhalten der Computergegner auf diplomatischer Ebene ist genauso gut gelungen wie deren Sprachausgabe.

Auch Musik liegt in der Meeresluft. Je nach Aufenthalt wechseln zauberhafte Orchesterstücke für das Abendland mit exotischen Klangteppichen des Morgenlandes ab. Weil auch die Sprecher ganze Arbeit geleistet haben, dürfte "Anno 1404" den einen oder anderen Audio-Award abstauben. Besonders erwähnenswert: Der herrliche Sprecher des blasierten Guy Forcas

Mitspieler sind Mangelware

Keine Kritik also? Doch, ein wenig: Der eingeschränkte Zoom-Modus verhindert, dass der Spieler seinen virtuellen Untertanen so nahe kommen kann, wie es etwa bei "Die Siedler" der Fall war. Neben kosmetischen Abstrichen bringt dies auch den Nachteil, dass bei einer Auflösung jenseits der WXGA-Grenze ein Edelmann schwer von einem Normalbürger zu unterscheiden ist.

Das wäre noch zu verschmerzen, wenn nicht im Zuge der Kampagne einzelne Spielfiguren per Mausklick selektiert werden müssten. Und auch die sonst so verführerische Vorstellung der einsamen Insel hat im Falle von "Anno 1404" einen Haken: Mangels Netzwerkmodus fehlt die Gelegenheit, mit menschlichen Kontrahenten um die Wette zu siedeln.

Fazit: Glanzstück der "Anno"-Serie

Mit dem vierten Teil der "Anno"-Reihe gelang den Mainzer Entwicklern von Related Designs der bis dato beste Ableger der Serie. Damit übertrifft das Strategiespiel sogar den rundum gelungenen Vorgänger "Anno 1701", der grafisch und spielerisch die lange überfällige Generalüberholung der Serie einleitete. Dem faszinierendem Spiel ist in vielerlei Hinsicht anzumerken, mit welcher Hingabe es produziert wurde – leider keine Selbstverständlichkeit in einer Branche, für die möglichst geringe Entwicklungsphasen inzwischen ebenso wichtig sind wie maximaler Profit.

Wer sich als "Anno"-Herrscher verdingen möchte, sollte allerdings viel Zeit und Geduld mitbringen. Der motivierende Titel zieht den Spieler in seinen Bann. Daran können weder das hohe Alter der Serie noch mehrstündige Spielsitzungen etwas ändern. Wer sich dem Annofieber zu lange aussetzt riskiert Augenringe und - nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Mehrspielerteils - verringerten Kontakt zu Freunden und Familie.

Kommentare zu diesem Artikel

Mit dem vierten Teil der "Anno"-Reihe gelang den Mainzer Entwicklern von Related Designs der bis dato beste Ableger der Serie. Damit übertrifft das Strategiespiel sogar den rundum gelungenen Vorgänger "Anno 1701", der grafisch und spielerisch die lange überfällige Generalüberholung der Serie einleitete.

Jetzt ist Ihre Meinung gefragt. Diskutieren Sie im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt Diskutieren!
  • .:Philipp:. schrieb Uhr
    AW: News - Spieletest: Anno 1404

    Auf welchen Bezug? Einer Kampagne/Auftrag, Endlosspiel etc.

    In den meisten Fällen hast du ein neutrales Bündniss mit den Mitspielern. Solltest du aber einem den Krieg erklären solltest du deine Insel + Schiffe gesichert haben.

    Natürlich kann man seine Insel verteidigen und auch andere angreifen ;)
  • HuGo22 schrieb Uhr
    AW: Spieletest: Anno 1404

    ich weiß das es nicht wirklich passt, aber kann/muss man sein gebiet vor angriffen fremder schützen oder andere gebiete angreifen...? thx lg hugo

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
23610
Spieletest: Anno 1404
Spieletest: Anno 1404
Mit dem vierten Teil der "Anno"-Reihe gelang den Entwicklern der bis dato beste Ableger der Serie. Damit übertrifft das Strategiespiel sogar den rundum gelungenen Vorgänger "Anno 1701".
http://www.netzwelt.de/news/80323-spieletest-anno-1404.html
2009-07-21 17:15:00
http://img.netzwelt.de/dw120_dh90_sw0_sh0_sx0_sy0_sr4x3_nu0/gallery/2009/2775/19924.jpg
News
Spieletest: Anno 1404