Von zwitschernden Gruppenleitern in Jugendcamps zur Twitter-Beichte
Verkehrte Netzwelt: Twitteresk
Markus mag sein Essen nicht, Ellen liegt die ganze Zeit nur im Bett: Der Reiseveranstalter RUF nutzt bei seinen Jugend-Reisen den Microblogging-Dienst Twitter, um die Eltern zu Hause über das Wohlergehen ihrer Kinder auf dem Stand der Dinge zu halten. RUF hält dies für eine "nützliche Anwendung dieser tollen Technologie".

"Als erster Reiseveranstalter setzt RUF Jugendreisen den Microblogging-Dienst Twitter für die Echtzeit-Kommunikation ein. Um daheimgebliebene Eltern und Freunde auf dem neuesten Stand zu halten, veröffentlichen die Betreuer jeder Kinderreise die aktuellen Ereignisse im Internet. Dem Bedürfnis der Eltern nach schneller Information - wie der Ankunftszeit von Bussen - wird dadurch Rechnung getragen", heißt es in einer Erklärung des Reiseveranstalters.
Spione im putzigen Federkostüm
Alles klar, zwinker, zwinker. Den Eltern die Ankunftszeit von Bussen twittern. Wir alle wissen doch, wie der Hase läuft: Eltern wollen auch aus der Ferne ihre Kinder bewachen, der Reiseveranstalter ist nichts anderes als ein verkappter Spion in niedlichem Vogelfedergewand.
Auch die Gruppenleiter von Teenager-Camps, in denen Jugendliche ihre ersten Erfahrungen mit alkoholgeschwängerten Partyhochburgen wie Lloret de Mar, natürlich unter Aufsicht, machen dürfen, twittern fröhlich nach Hause an die Erziehungsberechtigten.
Was waren das für schöne Zeiten, in denen man als Jugendlicher seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht noch im Feriencamp machen konnte. Die Kids von heute müssen ja fast schon Angst haben, dass der Klassenlehrer oder Gruppenleiter hinter der nächsten Düne sitzt, das internetfähige Kamera-Handy in der Hand. In 140 Zeichen langen Blitzmeldungen haben heutige Elternteile dann direkt Teil am ersten Kuss ihres Sprösslings:
"Die ganze Welt liebt Twitter, nur wurden bisher kaum wirklich nützliche Anwendungen dieser tollen Technologie präsentiert", sagt Dirk Föste, Vertriebsleiter bei RUF Jugendreisen. Aber, aber - die Verkehrte Netzwelt hat einen ganzen Blumenstrauß an sinnvollen Twitter-Anwendungen auf Lager.
Stichwort Kindergarten-Kinder, die Quälgeister kann man schließlich auch nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen. In trendigen Kindergärten gibt es daher den Kita-Liveblogger, der auf einem Schiedsrichter-Stuhl ähnlich dem beim Tennis sitzt und am laufenden Band über Gewalt- und Wutausbrüche der Minderjährigen twittert.

Ein weiteres, sinnvolles Twitter-Anwendungsgebiet ist im hippen Remote-Doctoring zu finden. Lernwillige Hobbyärzte sitzen mit ihrem Laptop in der Küche, auf der Arbeitsplatte den Patienten aus der Nachbarschaft, auf Instruktionen vom zwitschernden Chefarzt aus der Ferne wartend:

@Gott, ich habe gesündigt
Die katholische Beichte, jahrhundertelang schon resistent gegen technische Errungenschaften. Twitter bricht hier eine Lanze für die Technik und die ganze Web-2.0-Generation. Statt mühsam an die frische Luft und zur Kirche gehen zu müssen, twittert man seine Sünden dem Pastor gemütlich von zuhause aus. Die Absolution folgt dann per E-Mail-Anhang, da diese die 140-Zeichen-Grenze sprengen würde. Oder noch besser: Sünde begehen und direkt an Gott twittern: @Gott: Sorry wegen dem Sprayen, soll nicht wieder vorkommen. Da wird selbst der Reiseveranstalter RUF neidisch. Im Ernst: Langsam darf auch mal Schluss sein mit dem Hype ums Gezwitscher. Längst nicht alles, was twittert, ist automatisch die Wucht in Tüten.

Im Forum diskutierenBeiträgeinsgesamt 9 Beiträge
Twitter wird sicher schon auf diese Weise gebraucht :/ Und die ganze Welt darf mitlesen und von privaten Dingen erfahren...
Zitat: Hervorragende Sartire habe sehr gelacht! Vielen Dank für das Lob und das Erkennen der Textgattung ;-) Grüße
Anstatt zu twittern sollten PädagogInnen besser sehr aufmerksam sein und viel mit ihren "KlientInnen" reden,, ein Vertrauensverhältnis aufbauen und Überzeugungsarbeit leisten, damit nichts schlimmes passiert. Auf...
Zitat: Ich kann nichts Schlechtes daran sehen, dass die Eltern ab und an mal schauen können, was die Kleinen tagsüber so getrieben haben. Ist doch ein netter Service. Habt ihr kein...
Solche Dienste können nur in der heutigen Zeit aufkommen... :kopfschü: Ich glaube, daß der Artikel auf etwas anderes hinaus will, als was hier in den Kommentaren beschrieben wird: Es...