Von zwitschernden Gruppenleitern in Jugendcamps zur Twitter-Beichte

Verkehrte Netzwelt: Twitteresk



04.07.2009 10:14 Uhr

Markus mag sein Essen nicht, Ellen liegt die ganze Zeit nur im Bett: Der Reiseveranstalter RUF nutzt bei seinen Jugend-Reisen den Microblogging-Dienst Twitter, um die Eltern zu Hause über das Wohlergehen ihrer Kinder auf dem Stand der Dinge zu halten. RUF hält dies für eine "nützliche Anwendung dieser tollen Technologie".

Twitter-Meldung von Gruppenleiter

"Als erster Reiseveranstalter setzt RUF Jugendreisen den Microblogging-Dienst Twitter für die Echtzeit-Kommunikation ein. Um daheimgebliebene Eltern und Freunde auf dem neuesten Stand zu halten, veröffentlichen die Betreuer jeder Kinderreise die aktuellen Ereignisse im Internet. Dem Bedürfnis der Eltern nach schneller Information - wie der Ankunftszeit von Bussen - wird dadurch Rechnung getragen", heißt es in einer Erklärung des Reiseveranstalters.

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Spione im putzigen Federkostüm

Alles klar, zwinker, zwinker. Den Eltern die Ankunftszeit von Bussen twittern. Wir alle wissen doch, wie der Hase läuft: Eltern wollen auch aus der Ferne ihre Kinder bewachen, der Reiseveranstalter ist nichts anderes als ein verkappter Spion in niedlichem Vogelfedergewand.

Auch die Gruppenleiter von Teenager-Camps, in denen Jugendliche ihre ersten Erfahrungen mit alkoholgeschwängerten Partyhochburgen wie Lloret de Mar, natürlich unter Aufsicht, machen dürfen, twittern fröhlich nach Hause an die Erziehungsberechtigten.

Was waren das für schöne Zeiten, in denen man als Jugendlicher seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht noch im Feriencamp machen konnte. Die Kids von heute müssen ja fast schon Angst haben, dass der Klassenlehrer oder Gruppenleiter hinter der nächsten Düne sitzt, das internetfähige Kamera-Handy in der Hand. In 140 Zeichen langen Blitzmeldungen haben heutige Elternteile dann direkt Teil am ersten Kuss ihres Sprösslings:

"Die ganze Welt liebt Twitter, nur wurden bisher kaum wirklich nützliche Anwendungen dieser tollen Technologie präsentiert", sagt Dirk Föste, Vertriebsleiter bei RUF Jugendreisen. Aber, aber - die Verkehrte Netzwelt hat einen ganzen Blumenstrauß an sinnvollen Twitter-Anwendungen auf Lager.

Stichwort Kindergarten-Kinder, die Quälgeister kann man schließlich auch nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen. In trendigen Kindergärten gibt es daher den Kita-Liveblogger, der auf einem Schiedsrichter-Stuhl ähnlich dem beim Tennis sitzt und am laufenden Band über Gewalt- und Wutausbrüche der Minderjährigen twittert.

Twitter-Konversation

Ein weiteres, sinnvolles Twitter-Anwendungsgebiet ist im hippen Remote-Doctoring zu finden. Lernwillige Hobbyärzte sitzen mit ihrem Laptop in der Küche, auf der Arbeitsplatte den Patienten aus der Nachbarschaft, auf Instruktionen vom zwitschernden Chefarzt aus der Ferne wartend:

Twitter-Konversation

@Gott, ich habe gesündigt

Die katholische Beichte, jahrhundertelang schon resistent gegen technische Errungenschaften. Twitter bricht hier eine Lanze für die Technik und die ganze Web-2.0-Generation. Statt mühsam an die frische Luft und zur Kirche gehen zu müssen, twittert man seine Sünden dem Pastor gemütlich von zuhause aus. Die Absolution folgt dann per E-Mail-Anhang, da diese die 140-Zeichen-Grenze sprengen würde. Oder noch besser: Sünde begehen und direkt an Gott twittern: @Gott: Sorry wegen dem Sprayen, soll nicht wieder vorkommen. Da wird selbst der Reiseveranstalter RUF neidisch. Im Ernst: Langsam darf auch mal Schluss sein mit dem Hype ums Gezwitscher. Längst nicht alles, was twittert, ist automatisch die Wucht in Tüten.

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Kommentare: Verkehrte Netzwelt: Twitteresk (9)

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Summsemann
04.07.09 10:34

Ich kann nichts Schlechtes daran sehen, dass die Eltern ab und an mal schauen können, was die Kleinen tagsüber so getrieben haben. Ist doch ein netter Service.


Bitbull
04.07.09 11:19

Zitat:"Im Ernst: Langsam darf auch mal Schluss sein mit dem Hype ums Gezwitscher"

Wäre es Ihnen damit ernst gewesen, hätten Sie doch auf das Schreiben dieses Artikels verzichen können. Statt dessen machen Sie sich jedoch zum Erfüllungsgehilfen eines Hypes, den Sie beklagen. Nicht sehr stringent.


Saladin
04.07.09 15:35

Endlich mal eine sinnvolle Twitter-Anwendung. Und gerade diese nehmen Sie zum Anlass für diesen Artikel. Das muss ich nicht verstehen, oder ...


Bananenhaupt
04.07.09 20:10

Ich hab doch gar nichts gegen diese Twitter-Anwendung ;-) Das ganze ist im Text einfach nur auf die Spitze getrieben. Unter uns: Auch die Twitter-an-Gott-Nummer funktioniert nicht wirklich, Kita-Liveblogger gibt es nicht und das Personal von RUF-Reisen sitzt nicht in Wirklichkeit hinter Felsen und twittert an die Eltern der Reiseteilnehmer.


Viele Grüße


grunzer
06.07.09 15:55

Solche Dienste können nur in der heutigen Zeit aufkommen...
:kopfschü:

Ich glaube, daß der Artikel auf etwas anderes hinaus will, als was hier in den Kommentaren beschrieben wird:

Es wird geglaubt, daß man mit technischen Mitteln (Überwachung) und oder Gesetzen (Vorschriften) den Tod und/oder Unfälle verhindern könnte.
Leider ist das nur eingeschränkt möglich!

Meine Eltern haben damals (kein Handy, kein Internet usw) gesagt "Ge Bua, bist gegen 6 dahoam!" Was dazwischen passiert ist haben sie höchstens erfahren, wenn ich erwischt wurde ;)
Das ist heute auch noch so, bis auf daß die Kinder angerufen werden können (was bringt es, außer Lügen?!).

Als wir damals die ersten Urlaube ohne Eltern machten waren die ersten 2 Stunden des Urlaubs für die meisten nicht existent, da sie sich mit anderen 10-20 Jugendlichen um die wenigen Telephone streiten mußten um die gute Ankuft zu verkünden...
Meine Eltern haben gesagt "Wenn was ist, ruf an. Ansonsten erfahren wir schon was passiert ist."
bzw hatte ich immer meine Personalien bei mir, weshalb ich auch im Koma noch zu identifizieren gewesen wäre.
Weshalb also die Anruferei?!

Tja ja... So ist sie scheinbar die neue Welt.
Die bei solchen Kleinigkeiten anfängt und hoch bis zu Frau vdL und Herr S geht!

Paranoia regiert die Welt und die, die keine Angst haben werden als nicht fürsorglich eingestuft. Meine Eltern waren übrigens nie desinteressiert und haben sich super um mich gekümmert!

Danke für die Aufmerksamkeit
Grüße Grunzer


sn00py603
06.07.09 16:34

Zitat:

Ich kann nichts Schlechtes daran sehen, dass die Eltern ab und an mal schauen können, was die Kleinen tagsüber so getrieben haben. Ist doch ein netter Service.


Habt ihr kein Vertrauen in eure Kinder, das ihr sie auf ner Klassenfahrt oder im Ferienlager noch überwachen müsst? Lasst euren Kinder doch GPS Sender einpflanzen, dann wisst ihr immer und ganz genau wo die grade sind. Lasst eure Kinder doch Kinder sein, wenn se Mist bauen, werden sie´s schon merken.

Ich finde, das dieser Dienst zu weit geht. Auch Kinder haben Persönlichkeitsrechte und die wollen gewahrt werden. Unsere Kinder sollen Persönlichkeiten werden und nicht irgendwelche Nummern.


atmyselfandyou
07.07.09 14:11

Anstatt zu twittern sollten PädagogInnen besser sehr aufmerksam sein und viel mit ihren "KlientInnen" reden,, ein Vertrauensverhältnis aufbauen und Überzeugungsarbeit leisten, damit nichts schlimmes passiert. Auf der Meta Ebene spielt sich meiner Meinung im Internet etwas Ahnliches ab, wie zu dem Zeitpunkt als die Fotografie erfunden bzw. populär wurde: man versucht sich über anscheinend objektive Fakten und Beweise Sicherheiten zu veschaffen, weil man kein Vertrauen mehr hat, zu Mitmenschen oder auch in eine größere Sache. Daraus resultiert eine Kontrollsucht und das ist eine schlimme Sache und der Menschen und Ihre Mitmenschen sehr leider können.


Hervorragende Sartire habe sehr gelacht!


Bananenhaupt
07.07.09 18:15

Zitat:

Hervorragende Sartire habe sehr gelacht!



Vielen Dank für das Lob und das Erkennen der Textgattung ;-)

Grüße


Der Leiderist
09.07.09 13:52

Twitter wird sicher schon auf diese Weise gebraucht :/

Und die ganze Welt darf mitlesen und von privaten Dingen erfahren...


(9) Kommentare

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