Von Honigtöpfen, alten Freunden und neuen Grausamkeiten
Verkehrte Netzwelt: Wer-leckt-Wen?
Wer hätte gedacht, dass dieses Dorffest mitten im Nirgendwo solche Konsequenzen nach sich ziehen würde. Bereits der Weg zum Bierzelt gleicht der Suche nach Informationen im Netz bei deaktiviertem Pop-Up-Blocker. "Hey, dich habe ich ja lange nicht gesehen. Was machst du denn so? Bist du auch bei Wer-kennt-Wen?" Wegklicken.
Inhaltsverzeichnis
- 1Paranoider Hardcore-Nutzer trifft auf Internet-Neulinge
- 2Das ist so einfach, das verstehst sogar Du
- 3Kennt den jemand?
- 4Ich gestehe, ich kenne Kevin
- 5Prinzipien über Bord - jetzt wird genetzwerkt
Die ersten fünf Nachfragen nach meiner sozialen Präsenz im Netz, speziell bei der Kontaktplattform Wer-kennt-Wen, beantworte ich noch mit der mir eigenen Abwehrhaltung. Datenkrake, Sicherheitsbedenken und überhaupt - das ist mir alles ein wenig zu diffus. Wenn ich den Kontakt zu alten Bekanntschaften suche, dann kann ich doch einfach auch anrufen. Außerdem würde ich nicht einsehen, neben Handy, E-Mail und Telefon auch noch meine WKWler, denn so nennen sich Eingeweihte untereinander, im Auge zu behalten.
Es wird immer grotesker. Schulfreunde sprechen mich an, zehn Jahre und länger habe ich sie nicht gesehen. Bitterböse beschweren sie sich bei mir, wieso ich es nicht für nötig halte, mich mal zu melden. Schließlich sei die ganze Sippe von früher wieder vereint, dank WKW treffen sie sich auch wieder regelmäßig. Die Gruppe "Ehemalige des Soundso-Gymnasiums" ist fast schon außer sich vor Wut: Man habe gehört, ich mache "irgendwas mit Internet". Da gehöre es doch quasi zur Berufsehre, sich bei WKW blicken zu lassen. Was hat er denn, was ziert er sich denn so?
Paranoider Hardcore-Nutzer trifft auf Internet-Neulinge
Auch die Schulter der älteren Schwester, sonst eine Bank, wenn es um traditionelles Kontaktmanagement geht, bietet keinen Trost. "Ich bin schon lange dort, auch Matthias habe ich so kennengelernt." Erstaunlich, bis vor ein paar Monaten hätte ich ihr nicht einmal zugetraut, selbstständig eine E-Mail zu schreiben. Jetzt vernetzt sie sich feucht fröhlich mit halb Deutschland.
Feucht fröhlich sind auch die ersten Stichwörter, die mir beim Gedanken an Wer-kennt-Wen durch den Kopf gehen. Denn WKW ist anders als FaceBook, Xing, StudiVZ und die übrigen Sozialen Netzwerke. Die Zielgruppe macht den Unterschied. WKW ist eine Art virtuelles Grillfest und hat sich innerhalb kürzester Zeit wie Schockwellen über ganz Deutschland, gerade in ländlichen Regionen, verbreitet. Eigentlich könnte WKW daher auch die Abkürzung für "Wald küsst Wiese" sein. Mittlerweile tummeln sich nach Angaben der Betreiber 5,5 Millionen Nutzer in der simpel gestrickten Kontaktbörse. Jeder ab 14 Jahren darf mitmachen.
Das ist so einfach, das verstehst sogar Du
Dabei dürften gerade der einfache Aufbau der Seite und die überschaubaren Funktionen Grundpfeiler des Erfolges gewesen sein. Die Seite überfordert nicht durch Gimmicks wie Video-Einbindungen, komplizierte Web-2.0-Features wie die GPS-gestützte Standortangabe, keine Zeichenbegrenzung im Stile von Twitter. All das, was ich als technisch interessierter Mensch im Berufsalltag kritisieren würde, scheint hier das Killerargument schlecht hin zu sein: "Das ist überhaupt nicht schwierig", bestätigt Dennis mit einem Bierglas in der Hand, "das solltest du auch hin bekommen. Lass dich echt mal dort blicken. Es wäre doch jammerschade, wenn der Kontakt zwischen uns komplett abbrechen würde."
Kurz überlege ich, mich mit einer laut tönenden Glocke in die Mitte des Platzes zu stellen und zu rufen: "Stoppt den WkW-Wahsinn. Ich will und werde mich niemals dort anmelden!"
Nachts dann der Traum: Ich stehe vor den dunklen, mächtigen Toren einer Barock-Kirche. Durch einen Spalt dringt ein wenig Licht und Lärm in mein Bewusstsein. Fröhliche Menschen, unterschiedlicher könnten sie kaum sein, tanzen und singen und lachen und feiern. Neugierig strecke ich die Hand nach dem Türgriff aus. In dem Moment, in dem ich die schwere Eisenklinke herunterdrücken will, durchfährt ein eiskalter Strom meinen Unterarm. Ein Wächter in langem Gewand erscheint.

Ja, ein wirklich guter Artikel. Mir gefallen die zynischen Bemerkungen und Vergleiche. Ich muss zugeben, ich >war< auch bei WkW und MySpace, habe mich dort aber - im Gegensatz zum VZ, Xing und Facebook -...
Guter artikel... Auch ich bin einer der Wenigen, die sich immer noch nicht auf Facebook.com angemeldet haben - zum Entsetzen alle meiner Freunde. "Wie ist das denn bitte möglich", werde ich oft gefragt. Selbst...