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Kommentar zu Chrome: Panikmache und Verunsicherung
Vorab-Verurteilung des Google-Browsers

von Moritz Zielenkewitz Uhr veröffentlicht

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Chrome weht ein heftiger Wind entgegen: Das BSI rät offiziell vom Google-Browser ab, die Tagesschau sendet die Warnung in Millionen Haushalte. Doch ist es wirklich die Sorge um deutsche Bürger oder schlicht neuer Nährboden für die Verschwörungstheorie der Datenkrake?

Eine Warnung, die hellhörig macht: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik spricht sich gegen die Nutzung von Google Chrome aus, die Tagesschau berichtet. Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Ein Chrome-Kommentar.

Nicht einmal eine Woche ist es her, seit Google einen eigenen Browser namens Chrome auf den Markt gebracht hat. Seitdem überschlagen sich die Ereignisse: Die Geschwindigkeit wurde gelobt, die Sicherheit bemängelt - und seit dem ersten Tag steht der Datenschutz unter Dauerfeuer.

Hosen runter: Was genau an Chrome kritisiert wird

Matthias Gärtner, Pressesprecher des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), wird aktuell in der Medienlandschaft deutschlandweit mit zwei Statements hoch und runter zitiert, die er gegenüber der Berliner Zeitung gegeben hat:

  • "Google Chrome sollte nicht für den allgemeinen Gebrauch eingesetzt werden."
  • "Aus sicherheitstechnischen Gründen ist die Anhäufung von Daten bei einem Anbieter kritisch."

Klare Aussagen vom BSI. Doch der Zusammenhang der beiden Zitate bleibt schwammig: Denn es ist nicht ersichtlich, ob Gärtner wirklich die Anhäufung von Daten als Grund nennt, weshalb Chrome nicht für den allgemeinen Gebrauch eingesetzt werden solle. Diese Verknüpfung "Warnung wegen Datenmissbrauch" wird bei den meisten Berichten zu Chrome als selbstverständlich vorausgesetzt, obwohl sie es bei weitem nicht ist.

Gefahren: Sorge um Beta-Status überwiegt

Auch netzwelt holte sich wegen Google Chrome Einschätzungen von IT-Experten ein und erhielt ähnliche Antworten. Marit Hansen, stellvertretende Leiterin des unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, kritisierte die bei der Installation erzeugte Identifikationsnummer, da das Datenziel unklar sei. Auch der Weiterleitung von eingegebenen Begriffen und Internet-Adressen stand Hansen skeptisch gegenüber.

Gegen die Verwendung des Google-Browsers sprach sie sich aber aus einem viel trivialeren Grund aus: Chrome sei eine unfertige Betaversion. Software in einem solchen Status dürfe grundsätzlich nicht auf Produktivsystemen eingesetzt werden, mit denen Nutzer im Alltag arbeiten. Gegenüber Datenschutz und Sicherheit hingegen riet Hansen zwar zur Vorsicht, wertete sie aber nicht als K.O.-Kriterium.

>>> Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Chrome als Thema so attraktiv ist und warum niemand vor Microsofts neuem Internet Explorer 8 warnt.

Google Chrome: Günstiges Ticket für den Medienzug

Von der inhaltlichen Aussage sind die Zitatgeber also nahezu deckungsgleich. Nur beim BSI fehlt die Gewichtung der Gefahren, welche von Google Chrome ausgehen. Die Vermutung liegt nahe, dass auch Matthias Gärtner die Warnung hauptsächlich ausgesprochen hat, um technisch weniger versierte Nutzer vor einer unfertigen Beta-Version zu schützen.

Doch woran erkennt ein User, dass ihm die nötige Expertise fehlt, um mit der Beta von Google Chrome sachgemäß umzugehen - und würde er das von sich selbst auch zugeben? Ein Millionenpublikum, das größtenteils selbst noch keine Möglichkeit hatte, sich einen Eindruck von Chrome zu verschaffen, wird in der als seriös angesehenen Tagesschau dringend davor gewarnt, den Browser zu nutzen.

Hype-Opfer: Wo bleibt die Warnung vor Microsoft?

Dieser Meldung haftet der unangenehme Beigeschmack von Meinungsmache an. Zwar ist Google mit deutlichem Abstand der größte Suchanbieter in Deutschland, bei der Browser-Verbreitung kann davon allerdings keine Rede sein: Etwa 1,5 Prozent Marktanteil hat Chrome laut Net Applications - ein kleines Licht gegenüber den 72 Prozent, die Microsofts Internet Explorer besitzt.

Überdeutliche Warnung: Google Chrome in der Tagesschau.

Warum also warnt das BSI nicht vor der aktuellen Beta-Version des Internet Explorer 8? Immerhin lief diese in netzwelt-Tests deutlich instabiler als Chrome. Eine breit publizierte Warnung vor einem Einsatz wäre hier gleich aus mehreren Gründen angebrachter: Zum einen bekommt jeder Windows-Nutzer den Internet Explorer 8 (IE8) als automatisches Update angeboten, sobald der Browser fertiggestellt ist. Zum anderen rufen die Microsoft-Entwickler offiziell dazu auf, die Beta 2 bereits im Alltag zu verwenden - ein klares Sicherheitsrisiko.

Doch der IE8 hat es bei weitem nicht in die Tagesschau oder auf die Titelseite einer überregionalen Zeitung geschafft, obwohl auch Microsoft in gigantischen Dimensionen im Netz operiert. Die Antwort muss in diesem Fall wohl schlicht lauten: In den Köpfen der User ist Microsoft bei weitem nicht Google. Microsofts Einfluss scheint klar abgesteckt, die Ziele unmissverständlich. Anders bei Google: Chrome gibt den Verschwörungstheorien um die "Datenkrake" neuen Nährboden, da die gesammelten Informationen nach wie vor in einer Art Blackbox landen.

>>> Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein kritischer Umgang mit Google Chrome zwar sinnvoll ist, die aktuelle Meinungsmache aber über das Ziel hinausschießt.

Verschwörung mit offenen Karten - geht das?

Niemand wird bezweifeln, dass Google einen großen Machtplan mit unseren Daten und dem Internet schmiedet, auch Chrome ist im Prinzip nur ein weiteres Zahnrad in dieser Maschinerie. Dennoch muss Browser mit Browser verglichen werden, wenn das Ergebnis objektiv und glaubhaft sein soll. Und hier gibt sich Google überraschend transparent: Der Konzern listet auf, in welchen Situationen Chrome Kontakt zu den Servern aufnimmt und gibt direkt eine Anleitung an die Hand, wie diese Funktionen abgeschaltet werden können.

Ein untypisches Verhalten für einen Konzern, der angeblich heimlich Datenmassen anhäuft. Auch für die laut Rechtsanwalt Alexander Wachs schwammigen Formulierungen in den Nutzungsbedingungen von Chrome hat sich Google bereits entschuldigt und nachgebessert. Auch die vielzitierte Identifikationsnummer sei keine Verletzung des Datenschutzes, wie Kay Oberbeck von Google Deutschland beteuert:

"Solche Identifikationsnummern für Update-Services sind absoluter Industriestandard und nicht ungewöhnlich. Die Identifikationsnummer wird nur bei der erstmaligen Installation und Verwendung der Anwendung und bei der automatischen Update-Prüfung von Google Chrome an Google gesendet." Weiter sagt Oberbeck: "Die Informationen aus Google Suggest und dem Download für den Phishing-Schutz werden nicht mit der Identifikationsnummer verknüpft." Fakt ist: Auch der Mozilla Firefox erstellt bei der Installation eine Nummer zum Senden anonymer Nutzerstatistiken.

Fazit: Misstrauen ja, Verteufelung nein

Natürlich ist Google wegen Chrome im Moment ein sehr präsentes und damit dankbares Thema. Sich allerdings so stark der Meinungsmache - fast schon Panikmache - zu verschreiben, kann nicht im Sinne der Nutzer sein. Selbst wenn die Warnung des BSI sich nur auf den frühen Versionsstatus bezieht, wird ein Großteil der Nutzer auch einen fertigen Google-Browser nicht anrühren und Chrome als unsicher einstufen.

Chrome: Netzwelt testet den Google-Browser

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Nach dem ersten Start zeigt Chrome kurze Videos zu den wichtigsten Funktionen.

Es ist wichtig, Google kritisch zu beobachten, daran darf kein Zweifel bestehen. Auch das Abklopfen auf Sicherheitslücken und Datenlecks ist klar zu befürworten - dies ist aber kein Vorgang, der speziell auf Chrome oder Google gemünzt ist. Jede öffentliche Beta-Version durchläuft diese Phase. Wäre dieser Testzeitraum nicht notwendig und würden keine Schwachstellen entdeckt, könnte der Browser auch direkt als fertig deklariert werden.

Solange es sich bei Chrome allerdings um eine unfertige Version handelt, muss Google zum Nachbessern die Zeit eingeräumt werden, die auch andere Entwickler erhalten. Vielleicht kann man Google ankreiden, zu früh in eine öffentliche Beta-Phase gestartet zu sein. Jetzt aber jede während des Testzeitraums entdeckte Schwäche so umzumünzen, das sie medienwirksam der Verschwörungstheorie um Google in die Hände spielt, ist aufmerksamkeitsheischend und klar das falsche Signal an die Internet-Nutzer.

Kommentare zu diesem Artikel

Chrome weht ein heftiger Wind entgegen: Das BSI rät offiziell vom Google-Browser ab, die Tagesschau sendet die Warnung in Millionen Haushalte. Doch ist es wirklich die Sorge um deutsche Bürger oder schlicht neuer Nährboden für die Verschwörungstheorie der Datenkrake?

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  • GreasySpoon schrieb Uhr
    AW: News - Kommentar zu Chrome: Panikmache und Verunsicherung

    Etwas hirnrissig fand ich den Kommentar des BSI, dass man vor Chrome auch warne, weil es eine Betaversion ist. Seit wann warnt das BSI vor Beta-Versionen???? Da hätten die ja jeden Tag zig Pressemitteilungen zu veröffentlichen. Google ist das neue Microsoft. Genauso viel Angst, wie wir vor Jahren vor MS hatten, haben wir nun vor Google. :eek: Symphatische Unternehmen werden unbeliebt, wenn sie groß werden. Siehe auch Apple...

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Kommentar zu Chrome: Panikmache und Verunsicherung
Kommentar zu Chrome: Panikmache und Verunsicherung
Googles Browser Chrome solle nicht verwendet werden, warnt das BSI und erreicht mit dieser Meldung dank Tagesschau Millionen Haushalte. Aber weshalb diese scharfe Kritik?
http://www.netzwelt.de/news/78505-kommentar-chrome-panikmache-verunsicherung.html
2008-09-08 13:16:00
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