Sie sind hier:
 

Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer
Die Welt von morgen aus der Sicht von gestern

von Kurt Müller Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Was glauben Sie, was passiert, wenn die so genannten Silver-Ager auf einen virenverseuchten Rechner treffen? Sagen wir es einmal so: Es kommt drauf an, was die Damen und Herren von Beruf sind. Denn bei manchen Berufsgruppen entpuppt sich die Virenbeseitigung als intellektuelles Problem.

Das Unheil nahte in Gestalt meines Vermieters: Ein gut situierter Lehrer in den 50ern mit adrett frisiertem silbergrauem, vollem Haar, bekleidet mit einem Poloshirt, weißen Bermuda-Shorts und barfuß. Vom letzten Urlaub, von dem er soeben heim kehrte, braun gebrannt. Als es an meiner Tür klopfte und ein "Moin, ich bins nochmal!" hereintönte, dachte ich mir schon, dass etwas im Busch sein müsste, denn über seine Ferien hatten wir gerade eben geplaudert.

Blitzschnell überlegt und die Liste gedanklich abgehakt: Miete war gezahlt, Briefkasten war auch immer während seiner Abwesenheit geleert worden und die Wohnung steht auch noch. Gut. Insofern war ich sicher. "Du machst doch da irgendwas mit Computern..." Nein! Da war er wieder: Dieser Satzanfang, den Menschen, die quasi die Bits und Bytes mit der Muttermilch aufgenommen haben, scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Denn dieser Satz verheißt viel Arbeit und noch mehr Frustration. Und "irgendwas, mit Computern" macht doch schließlich jeder. Egal. Höflich drehe ich mich auf meinem Schreibtischstuhl von meinem Rechner weg und zu ihm hin. Fragend angeblickt, beginnt er folgendermaßen: "Mein Rechner fährt nicht hoch, ich glaube, ich habe einen Virus." Aha... Ein L-DAU! Jackpot! Aufgabe für alle DAUs: Begriff "DAU" googeln.

Das ultimative DAU-Upgrade: Der L-DAU

Ach so: "googeln" bezeichnet den Vorgang des Eintragens von Suchbegriffen in das dazu vorgesehene Feld einer bekannten Internet-Suchmaschine. Kennzeichen eines DAUs im Besten Alter (Silver-Age) sind das souveräne Halbwissen, das er sich am Stammtisch von den so genannten Youngstern angeeignet hat und mit dem er meint, dann seinen Rechner administrieren (das Wort hat er auch irgendwo aufgeschnappt) zu können.

Das ultimative Upgrade des DAUs, also quasi der absolute Endgegner, die Nemesis aller Nerds (Aufgabe an die DAUs: Begriff "Nerd" googeln) ist der Lehrer-DAU (kurz: L-DAU). Denn dieser hat sich nicht nur ein paar Sachen am Stammtisch angeeignet - denn die Kumpels da wissen ja eh nicht Bescheid - sondern hat zusätzlich auch noch einen Experten befragt, der sich in seinem Kollegium befindet.

Dieser tritt in der Gestalt des Informatiklehrers auf den Plan. Er ist frisch an der Schule, jung-dynamisch und hat gerade sein zweites Staatsexamen bestanden. Das Problem ist nur, dass unser L-DAU den Junglehrer nicht versteht, da dieser in fachchinesischen Zungen spricht. Und so pickt unser Silver-Surfer die Begriffe heraus, mit denen er was anfangen kann und bastelt sich eine eigene Welt zusammen.

Was dabei herauskommt, ist dann sowas wie: "Viren und Trojaner sind schlecht für den Computer und wenn der Rechner nicht hochfährt, liegt das immer da dran." Prinzipiell auch richtig. Die Sache hat nur einen Haken. Bei manchen Rechnern gibt es auch noch Hardwarekonflikte, wackelige PCI-Karten, verstaubte Lüfter und so weiter und so fort.

Der L-DAU und die Viren

Aber bei Viren kann man dem L-DAU nun mal nichts vormachen. Denn der Lehrer an sich hat sowieso immer recht, auch wenn er nicht recht hat! Das ist ein Naturgesetz. Doch zurück zu meinem Vermieter. Dieser gehört schon der advanced L-DAU-Generation an, denn er weiß immerhin Skype und MSN-Messenger zu nutzen. Also bin ich ja nicht so und sage: "Dann schau ich mir die Geschichte einmal an."

Mitgegangen, vor den Rechner gesetzt, aufgeschraubt und interessant... Tonnen von Staub quellen mir entgegen. Ich wundere mich, dass keine Spinnen herauskrabbeln. Aber bei der Prozessortaktung staubt schon mal so manches ein. Gut, also Hardware scheint in Ordnung zu sein. Zugeschraubt, Rechner hochgefahren. Rechner fährt hoch! Überraschung.

Zaghafte Frage von der Seite: "Was hast Du gerade gemacht?! Der fährt ja wieder hoch. Das ging vorhin aber nicht." Ich murmle etwas von "Zauberhänden" und vertiefe mich auf die Bildschirmanzeige. Soweit alles normal. Der Lehrer schon ganz begeistert, dass wieder alles funktioniert, will mir ein Bier ausgeben, was ich aber ablehne.

Hätte ich es bloß genommen, denn als ich eine Eingabe auf dem Keyboard tätigen will, kommt nur Müll heraus. B entspricht zum Beispiel der Kombination 89bUk¶ oder so. Tatsächlich ein Virus! Und was für ein schöner. Zum Glück geht die Maus noch. Aber die Suche nach dem Virenscanner bleibt erfolglos. Auf meine Frage, wo denn der Virenscanner sei, ernte ich einen verständnislosen Blick.

Auch meine Fragen nach dem Spy-Bot oder Ad-Aware werden ähnlich quittiert. Ein letzter Anlauf: "Hast Du Deinen Rechner auch immer schön geupdatet?" Hah! Ein Lichtstrahl blitzt über sein Gesicht, er hat mich verstanden. "Nee, die komischen Fenster klick ich immer wech. Ich hab gedacht, das ist Werbung." Autsch. Schlimmer Treffer mitten in die zwölf. Ich sehe die Felle davon schwimmen.

Windows XP: Das missverstandene Wesen

"Hast Du irgendwas mit dem Rechner in diese Richtung gemacht, seitdem Du ihn hast?" "Nee, wozu auch? Der läuft doch. Zwar langsamer als früher, aber immerhin." Ah ja: Langsamer. Soso. Ein letzter verzweifelter Versuch: "Hast Du denn wenigstens eine Windows XP-CD daheim, mit der ich das System wieder aufsetzen kann?" "Was ist denn Windows XP?! Wozu brauch ich das?"

Ok, kurze Einführung in die Geheimnisse des Rechners: BIOS, OS, Virenscanner und Konsorten. Und ja: "Die muss man regelmäßig updaten! Und die aufpoppenden Fenster sind nicht nur zum Spaß da!" Irgendwoher hat mein Vermieter dann doch noch eine Windows XP Installations-CD besorgt. Leider war das System so hinüber, dass auch im abgesicherten Modus nichts zu machen war.

Eingaben im BIOS? Fehlanzeige. Die Tastatur spinnt, der Cursor hüpft in der Gegend rum. Schluss, aus, Amen! Der Rechner ist tot! Aber gemeinsam werden wir den Kampf mit der Festplatte aufnehmen und ich hoffe, dass mein Silver-Ager dann auch aufpasst und sich merkt, wie Sicherheit im PC funktioniert. Jawoll! Und dann trink ich einen ganzen Kasten auf sein Wohl. Denn irgendwie sind wir uns doch sympathisch: Der Rechner, der Vermieter und ich.

Kommentare zu diesem Artikel

Was glauben Sie, was passiert, wenn die so genannten Silver-Ager auf einen virenverseuchten Rechner treffen? Sagen wir es einmal so: Es kommt drauf an, was die Damen und Herren von Beruf sind. Denn bei manchen Berufsgruppen entpuppt sich die Virenbeseitigung als intellektuelles Problem.

Deine Meinung ist gefragt. Diskutiere im Forum zu diesem Artikel.

Jetzt diskutieren!
  • Michael Knott schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer

    Im übrigen sind DAU statistisch gleich verteilt über Altersgruppen und Berufe. Sie könnten sogar Redakteur sein...:D:D:D Selbstverständlich, DAU ist doch jeder auf irgendeinem Gebiet. Da sind auch oder gerade Redakteure nicht sicher vor ;-) Grüße
  • Pumphut schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer

    L-DAU als Steigerungsform von DAU kommt gut. Im übrigen sind DAU statistisch gleich verteilt über Altersgruppen und Berufe. Sie könnten sogar Redakteur sein...:D:D:D

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

article
21711
Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer
Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer
Was haben die so genannten Silver-Ager und Viren gemeinsam? Nichts, solange sie sich weder vor noch im Rechner befinden. Erst dann wird's interessant.
http://www.netzwelt.de/news/78261-verkehrte-netzwelt-malware-silver-surfer.html
2008-08-02 11:18:00
News
Verkehrte Netzwelt: Malware und die Silver-Surfer