Thunderbird: Im Interview mit David Ascher
Thunderbird: Im Interview mit David Ascher
netzwelt:Was sind denn die größten Vorteile von Thunderbird gegenüber anderen Mailclients? Warum sollten kleine Unternehmen eure Software lieben? Gibt es irgendwelche Großunternehmen, die Thunderbird auf vielen Computern massiv einsetzen?
David Ascher: Es gibt wichtige Alleinstellungsmerkmale von Thunderbird, wenn es in der IT in Unternehmen eingesetzt wird: Zum einen ist Thunderbird für alle drei großen Plattformen - Windows, Linux und MacOS - verfügbar. Gleichzeitig kann man Thunderbird sehr stark an die eigenen Bedürfnisse anpassen - das können sowohl Organisationen als auch Heimanwender. Der Benutzerkreis erstreckt sich über Heimanwender, kleine und mittlere Unternehmen bis zu Großunternehmen. Ein gutes Beispiel ist auch Frankreich - da wird Thunderbird in einer Vielzahl von Ministerien eingesetzt. Auch das Militär setzt dort auf Thunderbird: Dafür haben sie sogar eigene Plugins geschrieben, um die Sicherheitsrichtlinien für militärische Kommunikation einzuhalten. Diese Fexibilität ist schwer von Konkurrenten zu erreichen.
netzwelt:Warum ist dann Thunderbird nicht zur Standardanwendung für E-Mail in den großen Linux-Distributionen geworden? Gibt es irgendwelche Anstrengungen, dies zu ändern? Sprichst du mit den Teams von KDE, Gnome oder den Distributoren direkt?
David Ascher: Ich bin nicht sicher, warum die Distributoren anderen Programmen für E-Mail den Vorzug gegeben haben. Ich vermute, dass einige dadurch eigene Projekte voranbringen wollten. Einige haben sicher in Thunderbird auch wichtige Features vermisst, zum Beispiel die starke Integration in das Betriebssystem. Wir arbeiten an dem Thema, sprechen nicht nur mit den Entwicklern der Linux-Distributionen, sondern fügen dazu auch neue Features in das Produkt ein. Ich wäre auf jeden Fall absolut glücklich, wenn Thunderbird zum Standard für E-Mail in einer großen Linux-Distribution würde - aber das liegt natürlich in der Entscheidung der Distributoren. Ich möchte aber, dass die Entscheidung für oder gegen ein Mailprogramm so einfach wie möglich wird.
netzwelt:Die Entwicklung von Software kostet viel Geld. Aus welchen Quellen finanziert sich Mozilla Messaging? Gibt es Planungen für eine kommerzielle Edition von Thunderbird?
David Ascher: Eine Vielzahl von großartigen Open-Source-Programmen wurde ohne direkte finanzielle Unterstützung geschrieben - ich kann deiner Aussage also nur bedingt zustimmen. Es ist aber wahr, dass man Sachen bedeutend schneller erledigen kann, wenn finanzielle Ressourcen vorhanden sind. Zu diesem Zeitpunkt erhalten wir bei Mozilla Messaging einige Mittel von Mozilla.
Langfristig müssen wir aber mit einem richtigen Geschäftsmodell aufwarten, damit wir uns selbst finanzieren können. Ich denke nicht, dass eine kommerzielle Edition von Thunderbird dazu eine so gute Idee ist - obwohl ich gerne Partner sehe, die kommerzielle Unterstützung für Thunderbird anbieten. Solche Partner können sich besser um wirklich hochwertige professionelle Unterstützung für Unternehmen im Einsatz von Thunderbird bieten, während wir uns hauptsächlich um Innovationen am Produkt und Koordination der Nutzergruppen kümmern.
netzwelt:Was denkst du über den Konflikt zwischen Mozilla und Debian über die Namensrechte? In Debian wird Thunderbird "IceDove" genannt - wird sich daran etwas in naher Zukunft ändern?
David Ascher: Ich bin immer noch dabei, den gesamten Hintergrund dieser Geschichte zu verstehen. Das ist etwas unschön - aber nicht so schlimm wie von vielen eingeschätzt: Wenn die Leute eine Version von Thunderbird haben möchten, die Thunderbird heißt, können sie diese von der Mozilla Website herunterladen. Soweit ich das aber verstehe, haben Mozilla und Debian insgesamt komplett inkompatible Verfahren und Richtlinien im Umgang mit Namensrechten und Schutzmarken.
netzwelt:Software as a Service oder auch allgemein webbasierte Anwendungen sind ein gigantischer Trend in der IT-Branche. Wie kann eine klassische Anwendung für den Desktop da mithalten? Gibt es Bemühungen, Thunderbird oder verwandte Projekte auf den Server oder sogar als Webmail auszudehnen?
David Ascher: Wir kümmern uns auf jeden Fall um Wege, auf denen Thunderbird besser mit dem Web integriert werden kann - da gibt es viele Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist Lightning, der Kalender für Thunderbird, der mit webbasierten Kalendern wie Google Calendar umgehen kann. Wir arbeiten an weiteren Wegen, damit Thunderbird Daten aus dem Internet nutzen und zurückgeben kann. Einer der großen Vorteile, die uns gegen webbasierte E-Mail-Clients auszeichnen, ist die Sicherheit der Daten aller Benutzer: Die liegen auf dem Rechner zu Hause. Damit kann man mehr persönliche Informationen in dem Mailprogramm eingeben und nutzen - ohne, dass die Privatsphäre oder der Datenschutz irgendwie leiden.
netzwelt: David, vielen Dank für das nette Gespräch.
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