Der CEO von Mozilla Messaging über die Zukunft des Mailers
Thunderbird: Im Interview mit David Ascher
Mozilla ist bekannt für den Browser Firefox, der dem Internet Explorer von Microsoft immer mehr Konkurrenz macht. Das Projekt Thunderbird, ein Programm zum Lesen und Schreiben von E-Mails, ist hingegen weniger erfolgreich. Vor einigen Monaten wurde mit Mozilla Messaging ein Tochterunternehmen von Mozilla gegründet. Netzwelt hat mit dem CEO, David Ascher, über die Zukunft von Thunderbird, sein Verhältnis zu Mozilla und die Probleme im Markt gesprochen.
Verantwortlich für Mozilla Messaging: CEO David Ascher
netzwelt: David, vielen Dank, dass du dir für dieses Interview die Zeit genommen hast. Kannst du dich bitte kurz vorstellen? Wie bist du zum CEO von Mozilla Messaging geworden und was hast du beruflich sonst noch gemacht?
David Ascher: Ich hatte bisher eine recht wechselhafte Karriere. Zunächst habe ich in der Forschung gearbeitet, in einigen Positionen habe ich Programme für Entwickler geschrieben und in der Open Source Community habe ich vor allem im Umfeld von Python einige Erfahrungen gesammelt. Ich denke, dass ich als CEO für Mozilla Messaging ausgewählt wurde, da für eine solche Position ein ganzes Stück Erfahrung im Umgang mit Communities, aber auch in der operativen Führung eines Unternehmens und der Produktentwicklung nötig sind. Was aber auch immer der Grund war - ich bin sehr dankbar, das ist ein großartiger Job!
netzwelt: Du kommst aus Kanada - oder liege ich da falsch? Wie ist deine persönliche Beziehung zu den Menschen und Unternehmen in den Vereinigten Staaten? Hast du schon einmal daran gedacht, in Europa ein Startup zu gründen?
David Ascher: Ich habe derzeit die doppelte Staatsbürgerschaft von Frankreich und den Vereinigten Staaten, lebe im Moment aber in Kanada. Nachdem ich in Frankreich aufgewachsen bin, habe ich einige Jahre in den Staaten verbracht. Auch habe ich schon für Firmen in allen drei Ländern gearbeitet, was eine sehr spannende Erfahrung war. Als ich Frankreich Mitte der Achtziger verlassen habe, war die Gründung einer Firma dort nicht besonders einfach - der ganze Papierkram. Ich hoffe, das ist heute etwas einfacher.
Ich habe aber eine Sache gelernt, die mir im Moment besonders wichtig ist: Kein Unternehmen sollte sich zu sehr auf ein bestimmtes Land konzentrieren. Mozilla Messaging ist eine recht kleine Firma mit weniger als zehn Mitarbeitern - aber wir arbeiten mit Leuten, die über vier Länder verstreut sind. Wenn man ein globales Unternehmen führt, ist es besonders wichtig - unabhängig von der Größe - nicht wie ein regional ausgerichtete Firma zu denken.
netzwelt:Vor einigen Monaten hat die Mozilla Foundation eine neue Tochterfirma für Thunderbird gegründet. Was ist die genaue Idee hinter Mozilla Messaging? Warum wurde unbedingt ein komplett neuer rechtlicher Rahmen benötigt?
David Ascher: Die rechtliche Organisation ist gar nicht so wichtig. Was viel wichtiger war ist, dass wir eine Gruppe von Menschen bekommen, die sich wirklich auf E-Mail und Thunderbird konzentrieren. Obwohl sich bei Mozilla eine große Gruppe von Mitarbeitern für Thunderbird interessiert hat, lag die Priorität doch immer auf dem Webbrowser Firefox. Der große Erfolg hat immer mehr Arbeit gemacht - nicht umgekehrt. Also haben wir mit einer neuen Organisation - Mozilla Messaging - mit einem neuen Team die Möglichkeit geschaffen, uns auf Thunderbird zu konzentrieren. Das Projekt braucht unsere Aufmerksamkeit auch. Man sollte sich vor Augen halten, dass viele von den Menschen, die früher bezahlt oder unbezahlt an Thunderbird mitarbeiten, das auch immer noch tun - wir versuchen, die Erfahrung des bisherigen Teams mit neuen, frischen Ideen zu kombinieren. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.
netzwelt:Warum haben die Mitarbeiter bei Mozilla ausgerechnet dich ausgewählt, um Mozilla Messaging zu leiten? Wie bist du zu dieser neuen Firma gekommen - gab es etwa schon vor der Gründung einen Kontakt zu den führenden Leuten bei Mozilla?
David Ascher:Ich habe die Plattform und Anwendungen von Mozilla seit vielen Jahren eingesetzt. Bei meinem früheren Arbeitgeber ActiveState habe ich Komodo gestartet, das auf einigen Techniken von Mozilla basiert. Daher kenne ich die Leute bei Mozilla seit vielen Jahren. Dazu kommt noch, dass ich mit Mitarbeitern von Mozilla an verwandten Projekten gearbeitet habe, die mit der Open Source Foundation in Verbindung stehen. Seit Jahren interessiere ich mich aber auch einfach sehr dafür, wie man E-Mail besser machen kann - mit Eudora habe ich das letzte Jahrzehnt gearbeitet.
netzwelt: In welchem Verhältnis steht denn Thunderbird zu Mozilla? Wie arbeitest du mit Mozilla zusammen, trefft ihr euch sehr häufig? Wie verläuft der Austausch unter den Entwicklern und im Management?
David Ascher: Thunderbird ist immer noch ein Projekt von Mozilla, ebenso wie Firefox. Wir tauschen uns permanent mit anderen Entwicklern bei Mozilla über IRC, Bugzilla, unser Wiki oder einfach über das Telefon aus. Mit dem Management von Mozilla spreche ich wöchentlich, damit jeder darüber informiert ist, was das jeweils andere Unternehmen gerade macht - so kann man sich auch gut über die gemeinsame Arbeit abstimmen. Jeden Monat bin ich auch persönlich zu Besuch im Büro in Mountain View.
netzwelt: Kannst du uns kurz über den aktuellen Status von Thunderbird aufklären? Wie geht die Entwicklung in den nächsten Monaten weiter, was sind die nächsten wichtigen Features? Wie ist deine Beziehung zur Community?
David Ascher: Es gibt eine immer größere Anzahl von Entwicklern, die sich nun um Thunderbird 3 kümmern. Wir arbeiten hart an einer Vielzahl von Projekten: Von der Fehlerbehebung, über die Optimierung der Oberfläche bis zu neuen Schnittstellen für Erweiterungen. Ich bin recht zufrieden mit dem Status der Community - auch wenn es natürlich immer Raum für weitere Entwickler gibt, die sich speziell um neue Features kümmern. Insgesamt denke ich, dass die Entwickler aber recht glücklich mit dem neuen Investment in Mozilla Messaging sind - das bedeutet mehr Zeit und Geld für Thunderbird.
netzwelt:Wie du weißt ist Firefox wesentlich erfolgreicher als Thunderbird. Was ist deiner Meinung nach der Grund für diesen Unterschied? War Thunderbird als ein offenes Mailprogramm vielleicht einfach zu früh am Start?
David Ascher: Es gibt da sehr viele Unterschiede. Aber meiner Einschätzung nach ist der wichtigste Grund das komplett andere Umfeld im Markt. Bei Firefox gibt es den Internet Explorer 6 als Gegenstück - jeder Surfer musste den Browser nutzen, obwohl er nicht wirklich gut funktioniert hat. Der Markt rund um E-Mail für Heimanwender ist erheblich mehr fragmentiert - und die Mailsysteme in Unternehmen sind einfach weniger kaputt als der Internet Explorer es war. Auch geht es beim Thema E-Mail immer mehr um die Programme, die auf Servern laufen - zum Beispiel Exchange. Oft ist es einfach viel leichter, einen neuen Browser mal auszuprobieren - wenn er nicht gefällt, nimmt man einfach wieder das alte Programm.
Ein neues System für E-Mail zu testen ist viel schwieriger: Die Anwender erwarten, dass das neue Programm wie ihr altes arbeitet - auch mit den bisher erhalteten E-Mails. Dann kommt noch die Sorge hinzu, bei der Migration einige E-Mails komplett zu verlieren - und die Bedenken sind berechtigt. Ich denke aber auch, dass Firefox kam, als es viele Innovationen und großes Wachstum im WWW gab - gleichzeitig war die Entwicklung bei E-Mail relativ statisch. Heute sieht das anders aus: Der Markt bewegt sich wieder durch neue Technologien zur Kommunikation wie zum Beispiel Twitter oder soziale Netzwerke. Es ist also eine gute Zeit für Thunderbird durchzustarten.
netzwelt:Was sind denn die größten Vorteile von Thunderbird gegenüber anderen Mailclients? Warum sollten kleine Unternehmen eure Software lieben? Gibt es irgendwelche Großunternehmen, die Thunderbird auf vielen Computern massiv einsetzen?
David Ascher: Es gibt wichtige Alleinstellungsmerkmale von Thunderbird, wenn es in der IT in Unternehmen eingesetzt wird: Zum einen ist Thunderbird für alle drei großen Plattformen - Windows, Linux und MacOS - verfügbar. Gleichzeitig kann man Thunderbird sehr stark an die eigenen Bedürfnisse anpassen - das können sowohl Organisationen als auch Heimanwender. Der Benutzerkreis erstreckt sich über Heimanwender, kleine und mittlere Unternehmen bis zu Großunternehmen. Ein gutes Beispiel ist auch Frankreich - da wird Thunderbird in einer Vielzahl von Ministerien eingesetzt. Auch das Militär setzt dort auf Thunderbird: Dafür haben sie sogar eigene Plugins geschrieben, um die Sicherheitsrichtlinien für militärische Kommunikation einzuhalten. Diese Fexibilität ist schwer von Konkurrenten zu erreichen.
netzwelt:Warum ist dann Thunderbird nicht zur Standardanwendung für E-Mail in den großen Linux-Distributionen geworden? Gibt es irgendwelche Anstrengungen, dies zu ändern? Sprichst du mit den Teams von KDE, Gnome oder den Distributoren direkt?
David Ascher: Ich bin nicht sicher, warum die Distributoren anderen Programmen für E-Mail den Vorzug gegeben haben. Ich vermute, dass einige dadurch eigene Projekte voranbringen wollten. Einige haben sicher in Thunderbird auch wichtige Features vermisst, zum Beispiel die starke Integration in das Betriebssystem. Wir arbeiten an dem Thema, sprechen nicht nur mit den Entwicklern der Linux-Distributionen, sondern fügen dazu auch neue Features in das Produkt ein. Ich wäre auf jeden Fall absolut glücklich, wenn Thunderbird zum Standard für E-Mail in einer großen Linux-Distribution würde - aber das liegt natürlich in der Entscheidung der Distributoren. Ich möchte aber, dass die Entscheidung für oder gegen ein Mailprogramm so einfach wie möglich wird.
netzwelt:Die Entwicklung von Software kostet viel Geld. Aus welchen Quellen finanziert sich Mozilla Messaging? Gibt es Planungen für eine kommerzielle Edition von Thunderbird?
David Ascher: Eine Vielzahl von großartigen Open-Source-Programmen wurde ohne direkte finanzielle Unterstützung geschrieben - ich kann deiner Aussage also nur bedingt zustimmen. Es ist aber wahr, dass man Sachen bedeutend schneller erledigen kann, wenn finanzielle Ressourcen vorhanden sind. Zu diesem Zeitpunkt erhalten wir bei Mozilla Messaging einige Mittel von Mozilla.
Langfristig müssen wir aber mit einem richtigen Geschäftsmodell aufwarten, damit wir uns selbst finanzieren können. Ich denke nicht, dass eine kommerzielle Edition von Thunderbird dazu eine so gute Idee ist - obwohl ich gerne Partner sehe, die kommerzielle Unterstützung für Thunderbird anbieten. Solche Partner können sich besser um wirklich hochwertige professionelle Unterstützung für Unternehmen im Einsatz von Thunderbird bieten, während wir uns hauptsächlich um Innovationen am Produkt und Koordination der Nutzergruppen kümmern.
netzwelt:Was denkst du über den Konflikt zwischen Mozilla und Debian über die Namensrechte? In Debian wird Thunderbird "IceDove" genannt - wird sich daran etwas in naher Zukunft ändern?
David Ascher: Ich bin immer noch dabei, den gesamten Hintergrund dieser Geschichte zu verstehen. Das ist etwas unschön - aber nicht so schlimm wie von vielen eingeschätzt: Wenn die Leute eine Version von Thunderbird haben möchten, die Thunderbird heißt, können sie diese von der Mozilla Website herunterladen. Soweit ich das aber verstehe, haben Mozilla und Debian insgesamt komplett inkompatible Verfahren und Richtlinien im Umgang mit Namensrechten und Schutzmarken.
netzwelt:Software as a Service oder auch allgemein webbasierte Anwendungen sind ein gigantischer Trend in der IT-Branche. Wie kann eine klassische Anwendung für den Desktop da mithalten? Gibt es Bemühungen, Thunderbird oder verwandte Projekte auf den Server oder sogar als Webmail auszudehnen?
David Ascher: Wir kümmern uns auf jeden Fall um Wege, auf denen Thunderbird besser mit dem Web integriert werden kann - da gibt es viele Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist Lightning, der Kalender für Thunderbird, der mit webbasierten Kalendern wie Google Calendar umgehen kann. Wir arbeiten an weiteren Wegen, damit Thunderbird Daten aus dem Internet nutzen und zurückgeben kann. Einer der großen Vorteile, die uns gegen webbasierte E-Mail-Clients auszeichnen, ist die Sicherheit der Daten aller Benutzer: Die liegen auf dem Rechner zu Hause. Damit kann man mehr persönliche Informationen in dem Mailprogramm eingeben und nutzen - ohne, dass die Privatsphäre oder der Datenschutz irgendwie leiden.
netzwelt: David, vielen Dank für das nette Gespräch.
- Thunderbird 3: Mozilla Messaging entwickelt Mail-Client
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Kommentare: Thunderbird: Im Interview mit David Ascher (2)
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Thema: News - Thunderbird: Im Interview mit David Ascher
27.07.08 16:57
Ich persönlich nutze den Thunderbird seit Jahren es gibt in meinen Augen nichts besseres !
Sehr interiesant das Interview :)
28.07.08 11:35
Ich bin ebenfalls schon seit Jahren Power-User von Thunderbird. Allerdings gibt es meiner Meinung nach noch Verbesserungspotential. Und da ist es gut zu wissen, dass Punkte wie Kompatibilität und Bedienung auf der Liste stehen und angegangen werden. Und wenn Mozilla dafür ein Tochterunternehmen gründet - um so besser. Ich bin bislang davon ausgegangen, dass dem schon lange so ist...
Viele Grüße