Bernhard Grill im Interview: "Jeder versucht MP3 zu verdrängen"
Bernhard Grill im Interview: "Jeder versucht MP3 zu verdrängen"
netzwelt: Sie waren an der Mitentwicklung des MP3-Formates beteiligt. Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?
Bernhard Grill: Ich habe mich schon immer für Musik und Elektrotechnik interessiert. Das war auch der Grund, warum ich mich für den Studiengang Elektrotechnik entschieden habe. Nach dem Studium musste ich mich für eine Aufgabe entscheiden, die aber schon beides beinhalten sollte. Das Fraunhofer Institut bot ein Projekt an, welches zu meiner Diplomarbeit passte und mit ein wenig Eigenfleiß war ich dann dabei. An den Universitäten sind gerade in wissenschaftlichen und Ingenieurs-Gebieten die Kontakte vorhanden. Ein Fraunhofer-Institut hat aber viel mehr Möglichkeiten ein solches Projekt umzusetzen - also auf den Punkt zu bringen.
netzwelt: Was genau ist heute Ihre Aufgabe am Fraunhofer Institut?
Bernhard Grill: Wir sind erst einmal ein Riesenteam von über 100 Mitarbeitern und etwa 80 Studenten. Ich bin als Abteilungsleiter unter Anderem dafür verantwortlich, an welchen neuen Themen bei uns geforscht wird. Alles was mit Audio, MP3 oder ähnlichem zu tun hat geht über meinen Schreibtisch. Man kann auch sagen, dass wir multimediale Forschung in einem sehr internationalen Umfeld betreiben.
netzwelt: Im Jahre 2000 erhielten Sie den Zukunftspreis. Wofür haben Sie diesen genau bekommen?
Bernhard Grill: Den Preis habe ich für die MP3-Forschung erhalten. Wobei hier leider nur drei Namen genannt wurden (Harald Popp, Karlheinz Brandenburg, Bernhard Grill). Eigentlich waren es viel mehr Personen, die am Erfolg des MP3-Formats beteiligt waren oder vielmehr sind. Alleine sechs leitende Personen waren und sind involviert. Dazu bestehen solche Projekte immer aus mehreren Teams. Schließlich treffen sich hier bei Fraunhofer die drei Säulen Wissenschaft, Engineering und Vermarktung.
netzwelt: Durch die Medien geistert immer öfter das Stichwort MT9 als möglicher Nachfolger von MP3. Was halten Sie von diesem und kann MT9 tatsächlich die weit verbreiteten MP3s verdrängen?
Bernhard Grill: Wenn man das an den drei Säulen misst, ist das Ganze von der Wissenschaft und vom Engineering her gesehen ein alter Hut. Seit zehn Jahren stehen derartige Dinge im MPEG-4 ISO-Standard. Die Grundbausteine sind also schon da. Mit MT-9 wird versucht, aus im Prinzip vorhandenen Bausteinen eine wirtschaftliche Anwendung neu zu gestalten. Man nimmt einfach ein MPEG 4 File, packt zum Beispiel sechs Spuren einzeln dazu und sorgt dafür, dass der Player die Lautstärke spezifisch abändern kann, also so, dass man diese individuell regeln kann. Technisch gesehen ist das überhaupt keine Herausforderung und wie schon gesagt - nichts Neues.
netzwelt: Warum versuchen Entwickler immer wieder neue Formate auf den Markt zu bringen? Geldgier?
Bernhard Grill: Jeder versucht etwas Geld zu verdienen und jeder versucht in dieser Branche MP3 zu verdrängen und durch angebliche Innovationen neu zu erfinden. Bisher hat es noch keiner geschafft. Die Tendenz geht immer wieder, nach vielen Fehl-Versuchen, in Richtung MP3s. Die Qualität des Formats ist einfach zu gut und ein neues Format hat es daher sehr schwer. Der entscheidende Grund ist aber der kleine technische Fortschritt den das neue Format nur hätte. Im Vergleich zum Original macht mp3 die Musikdateien schon um den Faktor zehn kleiner. Mit den besten heute verfügbaren Verfahren könnte man die Dateien bei vergleichbarer Audioqualität noch um ungefähr 20-30 Prozent kleiner bekommen, was aber für mp3-typische Anwendungen keine wirklich entscheidende Rolle spielt.

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