Keine Empathie für die EM-Party
Verkehrte Netzwelt: Fahnenflucht in Schwarz-Rot-Gold
Internet & Netzwelt
An alle Fahnatiker
Ich werde skeptisch. Kann dieses Jubelgefühl von vor zwei Jahren wieder abgerufen werden, wenn diesmal Europa zu Gast bei Nachbarn ist? Die alte Phrase drängt sich ins Bewusstsein: Stell dir vor, es ist EM - und keiner geht hin. Gedanken an Fahnenflucht machen sich breit, im Haushalt wäre genug zu tun. Darf man das überhaupt denken?
Ich merke, dass ich die Empathie für die EM-Party nicht teile. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich freue mich auf spannende Partien, nervenaufreibende Schlussminuten und dramatisches Elfmeterschießen. Ich wünsche der deutschen Nationalmannschaft auch alles erdenklich Gute - doch das Drumherum, das von der WM bekannte Fieber, will mich partout nicht packen.
Vielleicht sind Österreich und die Schweiz doch schon zu sehr "Ausland". Vielleicht wird die Euphorie nicht durch den Zoll gelassen oder hat Probleme bei der Überquerung der Alpen wie einst Hannibal. Vielleicht wappne ich mich auch schlicht gegen die Enttäuschung, falls der länderübergreifende Freudentaumel tatsächlich ausbleibt. Oder die deutsche Elf vorzeitig ausscheidet. Ohweh, ich habe es ausgesprochen...
Zwanzig Uhr fünfundvierzig
Was für ein Miesepeter, könnten Sie jetzt sagen. Kaum darf jemand anderes Ausrichter eines Fußball-Events sein, machen sich Neid und Missgunst breit. Ja, das könnten Sie wirklich behaupten. Aber die Tatsache, dass Sie diese Verkehrte Netzwelt lesen, statt sich gröhlend auf den diversen Fanmeilen unters Volk zu mischen, bestätigt meinen Verdacht - ich bin nicht allein.
Von der Muss-WM zur Kann-EM ist es nur ein kurzer Weg, vor allem mental. Aber so war das schon immer: Fußball ist Kopfsache, auf dem Rasen genauso wie vor der Mattscheibe. Deshalb gebe ich unserer Nationalmannschaft eine Chance, mich umzuhauen, mitzureißen, anzuheizen, wegzupfeffern, aufzupeitschen und mir weitere Sinnbilder per Mail zu schicken: Sonntag, 20.45 Uhr.
Ich gelobe hiermit, bis zum ersten Spiel mit deutscher Beteiligung in einer emotionalen Ballack... Balance zu verharren. Bis Sonntag werde ich weder verdammen noch anhimmeln. Und dann, von Anpfiff über die Zwischenpfiffe bis zum Abpfiff, liegt es einzig am Nationalkader, ob ich doch noch auf den Zug aufspringe. Wenn ja, bin ich ganz schnell nicht mehr Fahnenflüchtling, sondern Fahnenschwenker.
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