Höchste Zeit für IPv6
OECD: Internet-Adressen werden knapp
Mehmet Toprak
Wenn die düsteren Prognosen der OECD eintreffen, dann gleicht das Internet der Zukunft einer übervölkerten Großstadt. Kein freier Wohnraum, alle Straßen laut und verstopft. Nichts geht mehr. Schon 2011 könnte es soweit sein. Nach einem aktuellen Report der OECD sind im Mai 2008 bereits 85 Prozent der Internet-Adressen in Gebrauch. 2011 ist die maximale Zahl von 4,3 Milliarden zu vergebender Adressen erreicht.
Wenn Regierungen und Internet-Wirtschaft nicht schnell reagieren, stößt das Web an seine Grenzen, warnt die OECD.
Die einzige Lösung ist die zügige Umstellung auf das Internet-Protokoll Version 6 (IPv6). Das Protokoll ist schon seit einem Jahrzehnt im Gespräch, wurde bisher aber nur vereinzelt umgesetzt. Das jetzt schon nicht mehr so neue Internet-Protokoll bietet eine nahezu unerschöpfliche Zahl an Internetadressen. Denn IPv4 arbeitet mit 32 Bit, eine IPv6-Adresse hingegen ist 128 Bit lang.
Deshalb gibt es "3,4 × 1038 (340,28 Sextillionen = eine Zahl mit insgesamt 39 Stellen) IPv6-Adressen", rechnet Wikipedia vor. "Für jeden Quadratmillimeter Erdoberfläche könnten dann etwa 667 Billiarden IPv6-Adressen (6,67 × 1017) bereitgestellt werden, während auf einen Quadratkilometer Erdoberfläche nur 8,4 Adressen im IPv4-Format entfallen," heißt es im Wikipedia-Eintrag. Mit anderen Worten: Jedes Sandkorn könnte seine eigene Web-Adresse bekommen.
Erdbebenwarnsystem mit IPv6
In der Umstellung auf IPv6 sind einige Unternehmen und Regierungen mit gutem Beispiel vorangegangen. Der japanische Telekommunikationskonzern NTT etwa nutzt IPv6 für ein Erdbebenwarnsystem. Tausende von Sensoren sind über IPv6 verbunden und senden im Falle des Falles automatisch Warnsignale an TV-Programme und schalten Verkehrsampeln auf Rot.
Die US-Regierung hat festgelegt, dass die Internet-Technik jeder Regierungsbehörde bis Juni 2008 kompatibel zum neuen Internet-Protokoll sein muss. Die Europäische Kommission fördert Forschungsprojekte und versucht die Entwicklung zu beschleunigen.
Auch China ist vorne mit dabei. Die chinesische Regierung hat mit "China Next Generation" ein IPv6-Netzwerk entwickelt und will die Olympischen Spiele 2008 im Sommer in Peking nutzen, um Mobilgeräte und Sicherheitssysteme auf IPv6 laufen zu lassen.
Videos verstopfen das Web
Eine andere Sorge, die Internet-Skeptiker umtreibt, ist, dass die Bandbreite bald nicht mehr ausreicht. Insbesondere der explosionsartig angestiegene Traffic durch Videos könnte die Kapazität der Leitungen an ihre Grenzen bringen. So behauptete Jim Cicconi, AT&T-Vizepräsident, unlängst, dass HD-Videodaten in zwei Jahren 80 Prozent des gesamten Netzverkehrs ausmachen würden. In einem Bericht der Business Week wurde Cicconi mit den Worten zitiert, dass der Datenstrom im Internet bis 2015 um den Faktor 50 ansteigen werde.
Allerdings wurde dem Internet schon oft der große Kollaps prophezeit. Eingetreten ist er nie. Trotzdem, bei der Umstellung auf IPv6 drängt die Zeit. Sonst wird es eng im World Wide Web.
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