Zwischen Science-Fiction und Realität
Verkehrte Netzwelt: Auf der Suche nach dem Mythos Cybersex
Christian Grohmann
Erotisches Geflüster im Chatroom? Das ist es nicht. Rhythmische Avatar-Bewegungen in virtuellen Liebesschaukeln? Vielleicht was fürs Auge, sofern man auf hautfarbene Texturen steht. Videotelefonie mit nackten Tatsachen? Gut und schön - aber Anfassen ist nicht drin. Wo bleibt eigentlich die Technik, die Nähe, Zweisamkeit, sinnliche Berührungen und mehr über die Datenleitung vermittelt?
Den Sex im Jahr 2032 hatte sich Sylvester Stallone alias John Spartan anders vorgestellt. Schrillbunte Kopfkino-Erotik und direkte Nervenstimulation verursacht von einer Art Headset gehörten jedenfalls nicht dazu. Die von Filmpartnerin Sandra Bullock erläuterte Wirkung erhöhter Alphawellen beim digitalen Transfer sexueller Energien beim körperlosen Verkehr fand die Hauptfigur aus "Demolition Man" wenig überzeugend. Für den heutigen Cybersex wäre diese Technologie dagegen revolutionär.
Inhalt
- Cybersex-Fantasien
- Technik + Erotik = Teledildonik
- Gebratene Froschmänner vor dem Bildschirm
- Sex im Atombunker
- Zurück zur Fernbedienung
- Noch mehr Zukunftsvisionen
In der Science-Fiction scheint alles so einfach. Doch der heute praktizierte Cybersex lässt sich treffender mit gemeinsamer Selbstbefriedigung beschreiben: Mann oder Frau nutzen den Bildschirminhalt zur Luststeigerung und legen danach oder auch währenddessen selbst Hand an. Wechselwirkungen zwischen den Beteiligten findet abseits der typischen Kommunikationswege in Bild, Ton und Video nicht statt. Jegliche Interaktion bleibt den virtuellen Avataren auf dem Bildschirm überlassen.
Cybersex ist bislang kaum über die Grenzen gewöhnlicher PC-Peripherie hinausgekommen. Und das, obwohl sich schon seit den Anfängen der Netzkultur kluge Köpfe oder andere vermeintlich denkende Körperteile mit der "erotischen Televereinigung von räumlich getrennten Personen via Internet" beschäftigen. Dabei haben sowohl Entwickler, Beteiligte als auch Science-Fiction-Autoren ein klares Bild, was sie von "richtigem" Cybersex erwarten.
Technik + Erotik = Teledildonik
Das erste Auftauchen des Begriffs "Teledildonik" im Jahr 1974 geht auf den Informatik-Philosophen Ted Nelson zurück, der Begriff wird heute sowohl scherzhaft als auch in wissenschaftlichem Zusammenhang genutzt. Als Grundlage diente ein Schallerzeuger, der den Tastsinn der Haut ansprechen und somit Berührungen in unterschiedlicher Stärke simulieren konnte.
Die Idee bekam schnell Hand und Fuß: Ausgestattet mit einer ganzen Reihe Mini-Schallquellen sollte ein Ganzkörperanzug einem Internet-Nutzer das Gefühl vermitteln, von einem Partner in kompatibler Kluft am anderen Ende der Welt berührt zu werden. Trotz der langen Bastel- und Bedenkzeit hat es bisher nur ein einziges Modell bis zur Beinahe-Marktreife gebracht: Der Cyber Sex Suit aus dem Hause des Pornoproduzenten Vivid Entertainment.
Für knapp 200 US-Dollar hätte der Kunde zur Jahrtausendwende einen mit 36 Aktuatoren versehenen Neopren-Anzug erhalten können, die neben Vibrationen unterschiedlicher Stärke auch Wärme und Kälte vermitteln konnten. Via Parallel-Port, Software und Einwahlverbindung ließ sich der Anzug über das Internet bedienen. Angedacht war auch ein DVD-System mit entsprechender Schnittstelle, mit dem der Zuschauer in seinem Neopren-Anzug an den Aktionen im eingelegten Pornofilm teilhaben konnte.
Gebratene Froschmänner vor dem Bildschirm
Weit gebracht hat es der Cyber Sex Suit nicht. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde für Kommunikationsgeräte FCC sowie die Rechtsabteilung von Vivid zeigten sich besorgt über mögliche Fehler, die dem Nutzer eines solchen Anzugs hätten gefährlich werden können: Sämtliche austretende Körperflüssigkeiten angefangen bei einfachem Schweiß hätten Kurzschlüsse mit schmerzhaften bis tödlichen Folgen verursachen können - von Anwendungsfehlern hätte in solchen Fällen kaum die Rede sein dürfen.
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