Mediale Erotik: Nahrung für den Frust der Gefrusteten

Medien - das Fenster zur Welt

So wirkt es paradox, dass einerseits immer mehr Menschen idealisierte, immer strengere Schönheitsvorstellungen haben und gleichzeitig die Zahl der übergewichtigen Menschen steigt. Für Psychologe Kaltenbaek ist dies kein Widerspruch: "Auswirkung von solchen Bildern kann auch sein, dass man resigniert und deswegen gar nichts mehr für sich und seinen Körper tut".

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Die Medien beeinflussen nicht nur das Schönheitsempfinden, sondern auch das Bild von Sex und Partnerschaft. "Die bewegten Bilder, Illustrierten und Lifestylemagazine bilden für viele 'das' Fenster zur Welt. Durch dieses Fenster kann man vermeintliche Realität und Normalität betrachten und sein eigenes Verhalten daran ausrichten", erklärt Jesko Kaltenbaek von der FU Berlin. "Bedenklich ist hier vor allem die - in den Medien notwendige - Dramatisierung und Übersteigerung. Entwickelt sich Liebe im realen Leben im Laufe von Monaten und Jahren oder zumindest Tagen, so bietet das Fernsehen maximal 100 Minuten in einem Spielfilm".

Vorbild Hollywood

Liebe auf der Leinwand ist schnell, direkt und unkompliziert. Gleichzeitig unendlich erfüllend und fanatisch. Zeitlupe und Hintergrundmusik inszenieren die Liebe wie im Märchen. Filmfiguren beschwören sich mit kitschigen Dialogen, sterben für die große Liebe oder werden für immer zusammen glücklich. Leinwandliebe ist vereinfacht, überspitzt und dabei meistens jenseits der Realität. Doch bewegte Bilder beeinflussen unsere Wahrnehmung, unsere Erwartungen.

Insbesondere Jugendliche, die unsicher und auf der Suche nach Orientierung sind, lassen sich von den in Filmen vorgelebten Szenen beeinflussen. "Medien sind die bedeutendsten Sexualerzieher", sagt Kaltenbaek. "Besonders Jugendlichen fehlt hier jedoch oft die Lebenserfahrung, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Zudem erfahren sie aus 'Geschichten' anderer Jugendlicher oftmals eine Bestätigung der gezeigten Szenen".

Mediale Erotik: Nahrung für den Frust der Gefrusteten
Liebe wird in den Medien oft idealisiert und überhöht.

Die sexualisierte Gesellschaft?

Befürchtungen, dass die Gesellschaft durch die allgegenwärtige Medien-Erotik sexualisiert werde, teilt Kaltenbaek nicht: "Die späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre waren durchaus sexualisierter als die heutige Zeit". Durch das Web vereinfache sich allerdings der Zugriff auf Pornografie: "Durch das Internet ist der Zugang zu Pornofilmen einem viel größeren Kreis auf eine viel einfachere Weise möglich, als das noch vor zehn Jahren der Fall war".

Pornofilme selbst haben auch einen Einfluss auf die Gesellschaft. In Lebenshilfeforen im Internet fragen junge Menschen um Rat. Besonders häufig geht es dabei um das Thema Sex. Junge Frauen fragen, ob sie dies und jenes "mitmachen" sollen, junge Männer wollen wissen, was sie "können" müssen. Verunsicherung durch mediale Vorbilder. "Es kommt zu einer Kultivierung von medial inszenierten sexuellen Verhaltensweisen", sagt der Psychologe.

Unzufriedenheit als Wirtschaftsfaktor

Lifestylemagazine greifen die Sorgen der Bevölkerung auf und ködern mit Lebenshilfe rund um Figur, Beziehung, Sex. "Waschbrettbauch in drei Wochen", "fünf Kilo in fünf Tagen" wird dort getitelt. Es ist die Hoffnung und die Unzufriedenheit, die Leser anzieht. Zurück bleibt aber oft nur Enttäuschung. Die Blitzdiät, die nur scheitern kann, der Anblick der hübschen Vorbilder im gleichen Magazin: Nahrung für den Frust der Gefrusteten. Die Unzufriedenheit ist ein wachsender Markt: Fitnessartikel, Diätbücher, Lebensratgeber. Das Heer der Frustrierten wächst.

Die Gegenbewegung

Doch der Schönheitswahn ist keine Einbahnstraße. Längst hat sich eine Gegenströmung entwickelt. Manche Hersteller von Pflegeprodukten versuchen mit plakativer Natürlichkeit die normalen Menschen anzusprechen. Auf einigen Homepages wird die schöne Glamourwelt enttarnt, in dem Modelfotos vor und nach der Bearbeitung gezeigt werden. Oft auch unfreiwillig, wenn Grafiker ihre Künste zeigen. Dies zeigt aber: Auch Idealmenschen haben Makel.

Welche Auswege gibt es? Psychologe Kaltenbaek sieht nur eine Möglichkeit: "Das Gegenmittel ist ein gesundes Selbstbewusstsein." Denn am Panzer "Selbstbewusstsein" prallen Hochglanzbilder wirkungslos ab. "Treffen diese Bilder hingegen auf selbstunsichere Personen, so ist ihre mögliche negative Wirkung nicht zu unterschätzen", warnt der Forscher. Einen Rat hat der Experte: "Ich kann hier insgesamt nur raten, das Einzigartige an jedem Menschen festzustellen und die Vielfalt zu genießen".

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