Seadragon, Photosynth, Surface, Multi-Touch
Science-Fiction für Zuhause: Die Zukunft der Benutzeroberfläche
Es wird viel geforscht, um die Benutzung der Computer von morgen einfacher und effektiver zu gestalten. "Multi-Touch" ist da ein Stichwort und die Bezeichnung für eine Technologie, die berührungsempfindliche Monitore schon vor geraumer Zeit revolutionierte. Anstelle von nur einer Berührung, sind viele gleichzeitig möglich, was eine neue Ära der Eingabe am Computer einläuten könnte. Wo steht die Technik zurzeit und was ist in Kombination mit anderen Neuerungen denkbar? Netzwelt gibt einen Ausblick.
Ob zu Hause oder auf der Arbeit, Multi-Touch-Displays könnten den Alltag mit Technik deutlich erleichtern. Für Designer oder Forscher zum Beispiel ergeben sich ganz andere, deutlich effektivere Möglichkeiten, um mit 3D-Modellen zu arbeiten und diese zu erstellen. Für die Datenverwaltung sind mit der entsprechenden Visualisierung ganz neue Wege denkbar, um der stetig wachsenden Menge von Informationen Herr zu werden. Informationen greifbar und damit leichter veränderbar zu machen, ist ein erster Schritt in Richtung einer neuen Computer-Ära.
Der Chef persönlich, Jeff Han, stellt in diesem Werbevideo seiner Firma Perceptive Pixel die Möglichkeiten der Multi-Touch-Technologie vor. Bei diesem Anblick nicht gerade unverständlich, dass die Rüstungsindustrie und die amerikanische Regierung bereits großes Interesse an der Technik bekundeten.
Für den Heimanwender wird ein intensiveres Multimedia-Erlebnis versprochen, das nicht nur für Digitalfotos und Videos alternative Wege der Nutzung schafft. Auch das gemeinsame Fernsehen am Computertisch könnte so aussehen, dass jeder seine eigene Sendung schaut, das entsprechende Bild dazu in seine Richtung dreht und frei in der Größe verändert. Microsoft stellte mit Surface im vergangenen Monat ein erstes Gerät dieser neuen Computergeneration vor und nennt als Zeitraum etwa drei bis fünf Jahre, bis Computer dieser Art für die breite Masse erschwinglich werden.
Aktuell kostet ein Microsoft Surface-Tisch zwischen 5.000 und 10.000 Dollar und wird ab Ende 2007 vorerst nur an ausgewählte Microsoft-Partner verkauft. Was sich im Einzelhandel für neue Verkaufsmöglichkeiten mit der Technik ergeben, zeigt nachfolgendes Video einer Microsoft Surface-Präsentation recht eindrucksvoll.
Ist digitales Planschen mit Wasser sinnvoll? Sicherlich fraglich, aber diese Anwendung soll nur veranschaulichen, was mit der neuen Technik möglich ist. Im Schlussteil des Videos wird die Einzelhandelseignung des Surface anhand eines Mobiltelefons recht anschaulich demonstriert.
Im Ladenlokal der Zukunft könnten also, wenn es nach Microsoft geht, interaktive Verkaufstresen allerlei Zusatzinformation zu den angebotenen Waren liefern. Damit der Computertisch aufgelegte Geräte identifizieren kann, sind mehrere Kameras im Tisch verbaut, die spezielle Barcodes auslesen können. Hier sind natürlich die Hersteller von Digitalkameras, Mobiltelefonen und anderer Unterhaltungselektronik gefordert, die einen einheitlichen Code-Standard entwickeln müssen. Das Tauschen von Musik zum Beispiel soll schließlich auch firmenunabhängig von MP3-Player zu MP3-Player über den Computertisch funktionieren. Ob das dann auch so sein wird, bleibt jedoch abzuwarten.
Wirklich spruchreif scheint dagegen die Verwendung von Multi-Touch-Systemen in der Gastronomie oder im Casino-Bedarf, wohin auch einige der ersten Geräte bereits vorverkauft sind. Eine bebilderte, interaktive Speisekarte auf einem Display durchblättern wird sicherlich eine interessante Erfahrung liefern. Auch die Wartezeit, bis das Wunschmenü den Tisch erreicht, vertreibt sich der Restaurantbesucher mit kleinen Minispielen auf dem Display oder indem er die aktuelle Tageszeitung, natürlich in digitaler Form, nach Lesenswertem durchforstet. Für diese Anwendung wurde vor kurzem eine neue Microsoft-Technologie namens Seadragon vorgestellt.
Bei der TED 2007, einer Konferenz in Californien zu den neusten Ideen aus Technik, Unterhaltung und Design, wurde der aktuelle Entwicklungsstand von Microsofts Seadragon eindrucksvoll präsentiert. Als mächtiger Bilderbrowser versteht sich die Benutzeroberfläche im flüssigen Anzeigen von vielen hundert Bildern gleichzeitig, angeblich völlig unabhängig von der Auflösung und Größe der Bilddatei. Einzige Beschränkung der Anzeige sei der Monitor an sich.
Schon länger in der Entwicklung: Große Bildermengen verwalten und digitale 3D-Modelle eines fotografierten Objekts erstellen. Das soll mit Photosynth, dem zweiten im Video vorgestellten Projekt, komfortabel möglich sein. Eine Demo von Photosynth finden Sie am Ende dieses Artikels in der Linkbox.
Mit der Seadragon-Technologie könnte das Lesen einer digitalen Zeitschrift oder eines E-Papers endlich so richtig komfortabel möglich sein. So soll die Oberfläche auch in mobiler Elektronik den komfortablen Umgang mit Bildmaterial ermöglichen. Es ist davon auszugehen, dass Seadragon nach fertiger Entwicklung mit Sicherheit auch den Weg in zukünftige Windowsversionen finden wird. Und implementiert in einen Surface-Computertisch wird das Bildersortieren zukünftig völlig anders ablaufen, ob besser, das wird die Praxis erst noch beweisen müssen.
Ebenfalls auf der TED 2007 zeigten die Entwickler von Bumptop den aktuellen Entwicklungsstand des Projekts. Der Name Bumptop setzt sich zusammen aus to bump, anstoßen, und Desktop und ist eine Arbeitsoberfläche für Computer. Die Entwickler verfolgen dabei ein neuartiges Konzept, dass den Desktop eher an einen normalen Schreibtisch erinnern lässt. Kreuz und quer liegen Dateien umher, die der Nutzer beliebig anordnen kann.
Kehrt in Zukunft das Chaos auf den Desktop zurück? Wenn es nach Bumtop geht, schon. Die individuelle Arbeitsumgebung fernab von jeglicher Designroutine wird hoffentlich bald zum Ausprobieren zur Verfügung stehen.
Es ist eine interessante Zukunft, die auf alle Computernutzer zukommt. Mit Multi-Touch-Displays scheint eine der größten Hürden in der Erschaffung alternativer Bedienkonzepte genommen zu sein. Jetzt bleibt abzuwarten, wie die Entwicklung von Anwendungen für die neue Technologie voranschreitet und wie der Start von Microsofts Surface verläuft. Die Herrschaften um Bill Gates sind übrigens lange nicht die einzigen, die auf diesem Gebiet aktiv sind. Das kürzlich erschienene iPhone zum Beispiel nutzt eine Multi-Touch-Technik und Apple plant weitere Geräte, die ähnliche Bedienkonzepte aufweisen.

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