Verkehrte Netzwelt: Ohne Netz und doppelten Boden

Phantomsurfen

Wenn Dinge einfach zu schlimm sind, um vom menschlichen Gehirn verarbeitet werden zu können, tritt meistens die Ignoranz in Kraft. Nicht zu verwechseln mit der Toleranz, obwohl viele deutsche Politiker und Mitbürger den Unterschied immer noch nicht so recht verstanden zu haben scheinen. Während sich der noch einigermaßen gesunde Teil meines Verstandes bereits die Zeit sinnvoll mit Zeitunglesen und Offline-Artikeln vertreibt, hinkt das Unterbewusstsein wieder einmal hinterher.

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Wie hypnotisiert bringt es meine Augen zurück zum Bildschirm und meine Finger auf die Tasten. Weiter als bis zum "www" komme ich meist nicht. Erst dann feuern meine Synapsen wieder in die richtige Richtung. Ach ja, da war doch noch etwas. Beziehungsweise nichts, denn online war leider nur meine Fantasie. Ein grausames Wechselspiel zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Kalter Entzug

Internetausfälle sind unberechenbar. Sie kündigen nicht vorher an, dass sie gleich einmal gerne vorbeischauen würden und platzen einfach ungefragt herein. Nicht wie etwa eine PC-Festplatte, die kurz vor ihrem Ableben immerhin noch eine Art mechanisches Röcheln zum Besten gibt. Genausogut könnte man einem Kettenraucher die Zigarette gleich nach dem Anzünden entreißen. Weshalb kann eine DSL-Leitung nicht ehrenhafter abtreten? Zum Beispiel von 18 erst auf sechs und dann zwei Megabit, bevor sie träge in Modemgeschwindigkeit daherdümpelt und endgültig aufgibt.

Beim Netzausfall mutiert der verantwortliche Techniker schnell zu einem anbetungswürdigen Halbgott oder einem Hardware-Harry Potter mit Zauberfingern. Als ständige Gefolgschaft ein ungeduldiges Heer professionell Online-Abhängiger, das ihm immer wieder dieselbe Frage stellt: "Geht das Internet endlich wieder?" Herkules hatte es beim Kampf mit der Hydra bestimmt nicht einfacher. Allerdings war hier die Kopflosigkeit anderer erklärtes Ziel und nicht Hindernis.

Irgendwann war die Netzwelt wieder in Ordnung. Nach zwei geschlagenen Stunden, die zäher vergingen als verbrennendes Plastik und allen Betroffenen mindestens ebenso stanken. Eigentlich müsste das Internet unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, wenn es derartige Abhängigkeit und Entzugserscheinungen erzeugen kann. Wie ein Kokain-Junkie hat man erst ein Problem damit, wenn man offline ist.

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