Verkehrte Netzwelt: Appleaus für iPhonerika

iPhone zerrt am Nervenkostüm

Genauso gut könnte man T-Shirts mit der Aufschrift "Eure Armut kotzt mich an" drucken und kaviarschlürfend unter Brücken lustwandeln. Das sieht nicht nur Clayman so. Viele andere auf den Pole-Positions vor den Apple-Stores haben ähnlich Wohltätiges im Sinn.

Natürlich kann man die Begeisterung für das iPhone verstehen, auch ich bin mir sicher, dass es für viele Nutzer den Umgang zwischen Mensch und Maschiene grundlegend verändern wird. Aber aufmerksame Verfolger des Hypes der letzten Zeit mussten feststellen, dass nie zuvor in der Geschichte der Produktveröffentlichungen solch ein gruseliges Tamtam veranstaltet wurde. Es ging und geht auf die Nerven. Gut, es reagiert auf Berührung, aber es ist und bleibt ein Stück lebloses Plastik.

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Wie Ungeziefer vermehrten sich die Fanseiten, die Gerüchteküchte feuerte mit Flammenwerfer auf jedes noch so zarte Pflänzchen Neuigkeit, statt wie üblich auf Sparflamme zu kochen. Große Technikseiten wie engadget.com wurden bombadiert mit Beschwerden von Lesern, die ihren Unmut über die einseitige Berichterstattung über Apples iPhone Luft verschaffen wollten. Mit Erfolg. Das Magazin stellte die Leser zumindest beim Abo der RSS-Feeds vor die Wahl: Ein Feed enthielt die normalen News inklusive der iPhone-Berichterstattung, der andere lies diese komplett außen vor.

Schon immer fand sich eine große Fangemeinde ein, wenn auf Apple-Keynotes neue Produkte mit Apfel-Logo vorgestellt wurden. Doch dieses Mal sprengt der Hype um das iPhone sämtliche Dimensionen. So hat Konzern-Chef Steve Jobs, bei Anhängern der Marke auch als "His Steveness" bezeichnet, kürzlich die frohe Botschaft verbreitet, dass jeder Angestellte ein kostenloses iPhone erhalte.

Allein die Vorstellung, wie knapp 20.000 Mitarbeiter sich ebenfalls in eine Schlange stellen um ihr iPhone von "His Steveness" persönlich in Empfang zu nehmen, gleicht der Hostien-Ausgabe beim letzen Abendmahl. "Gesegnet seist du Mitarbeiter, der du bereit bist mir zu dienen und meine Botschaft in der Welt zu verkünden."

Du bist der Star - für 499 Dollar mit Vertrag

Den ersten Auserwählten, die gestern mit dem kleinen Karton unterm Arm die Apple-Stores verließen, kam noch eine besondere Ehre zuteil. Für kurze Zeit waren sie Stars, die auf dem roten Teppich ins Blitzlichtgewitter traten, von hunderten Journalisten aus aller Welt erwartet wurden. Apple-Mitarbeiter eskortierten gar die Käufer klatschend ins Freie. Die Botschaft: Ihr habt alles richtig gemacht, viel Geld für ein Status-Symbol auf den Tisch gelegt.

Klingeling - Hallo? Was geht hier vor sich? Fast jeder von uns gönnt sich von Zeit zur Zeit ein neues Handy, eine neue Festplatte oder auch mal eine Spielkonsole. Aber dafür im strömenden Regen fünf Tage auf offener Straße campieren? Dann doch lieber Sandsäckeschleppen bei der nächsten Jahrhundertflut. Dort regnet es auch, die Medien sind da, man spart viel Zeit und Geld und kann wenn alles vorbei ist beruhigt in den Spiegel schauen.

Glückwunsch Amerika - hoffen wir trotzdem, dass sich ähnliche Szenen nicht beim Europastart des iPhones Ende des Jahres abspielen werden.

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