In der Schlange stehen für Hype und Ego
Verkehrte Netzwelt: Appleaus für iPhonerika
Internet & Netzwelt
Jeden Tag neue Unheilsmeldungen: Klima, Kriege, Krankheiten. Die Welt liegt im Sterben, ein Blick gen Himmel lässt die vier Reiter der Apokalypse erkennen. Inmitten der Messias, im Schlepptau, das Jesus-Handy. Verrückt, wie die ganze Welt auf ein kleines technisches Spielzeug mit Apfel-Logo blickt, während da draußen die Welt untergeht. Es geht um Apples iPhone. Und um Menschen, die diesen Hype versuchen für wohltätige Zwecke auszunutzen.
Unglaubliche Szenen: Ein anzugtragender Mann schlendert verwegen in Richtung Mitte der langen Schlange. Agressives Gemurmel, Vorwürfe des Vordrängelns. Er ist auf Stippvisite, hat selbst keine Zeit zum Warten. Er drückt einem anderen Mann die vesprochenen 250 US-Dollar in die Hand. Für seine Bemühungen, dafür, dass er für ihn wartet.
Seit gestern hat in den USA der Verkauf des Apple iPhones begonnen, jenem Handy, das längst nicht mehr nur fanatische Apple-Jünger aus dem Häuschen bringt. Stars, Prominente und Hausfrauen - sie alle wollen eines haben. Und reihten sich ein in die Schlange. Unter ihnen waren sogar professionelle Warteschlangensteher, welche im Auftrag anderer sich für viel Geld die Füße in den Bauch stehen oder im strömenden Regen auf Campingstühlen ausharren.
Egoistisch auf der Pole-Position, wohltätig dahinter
Es ist noch früh am Morgen an diesem verregneten Montag. Greg Packer sitzt ganz vorne in der Reihe. In Amerika ist er ein alter Bekannter, in über hundert Zeitungsartikeln wurde er bereits zitiert. Bei öffentlichen Medienereignissen diente er Journalisten oftmals als "Stimme von der Straße". Nicht weil er besonders viel zu sagen hätte oder überdurchschnittlich durchschnittlich aussieht. Der Grund liegt in seinem Hobby. Packer ist professioneller Warteschlangensteher. Nun will er der Erste sein, der das neue iPhone in den Händen hält.
Zwei Positionen hinter ihm starrt David Clayman Löcher in die Luft. Man könnte ihn als das genaue Gegenteil von Greg Packer bezeichnen. Denn statt des eigenen Egos, möchte Clayman lieber eine Non-Profit-Organisation, für die er sich kurzfristig entschlossen hat zu arbeiten, im Rampenlicht der Medienwelt sehen. Er kam zufällig vorbei, sah, wie bereits fünf Tage vor dem offiziellen Verkaufstart die ersten Wartenen eine Schlange vor Apples gläsernem Tempel in New Yorks Fifth Avenue bildeten. Jetzt wartet er selbst bereits seit mehreren Tagen, trotz heftiger Regenfälle.
Herzlichen Glückwunsch: Fünf Tage Anstehen für lebloses Plastik
In der Vergangenheit hat David sich bereits öfters für wohltätige Zwecke stark gemacht. So organisierte er 2004 den Chicago's Sears Tower-Lauf bei dem 22.000 Dollar für die Opfer der Tsunami-Katastrophe zusammenkamen. Nun warf er kurzerhand seine Urlaubspläne im Big Apple über den Haufen, um sich ebenfalls in die Schlange einzureihen und die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zu ziehen. Denn ein vorderer Platz garantiert fast schon ein Interview mit den verschiedensten Medien.
Sich in eine lange Schlange zu stellen oder auf Campingstühlen zu übernachten, um anschließend, sabbernd und mit Schaum vorm Mund, viel Geld für ein technisches Spielzeug hinzublättern: Könnte man die Konsumhaltung dieser Generation besser zum Ausdruck bringen? Wenn in einer anderen Schlange, nur zwei Straßenzüge entfernt, obdachlose Menschen für Nahrungsmittel anstehen, fernab von jeglichem Medieninteresse?
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