Verkehrte Netzwelt: Weh oh Weh, WoW
Warcraft verpflichtet
Ohne die Hilfe meiner Wohngenossen kam ich allerdings nicht viel weiter als bis zum Tür-Troll Marke Kleiderschrank, der am Eingang patroullierte und offensichtlich viel mehr Erfahrungspunkte besaß als ich. Wie ich gelernt hatte, lohnt der Kampf gegen einen übermächtigen Gegner herzlich wenig. Erst als mein Hirn den Reality-Kanal wiederfand, erkannte ich den miesgelaunten Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, der im bestimmenden Tonfall nach meinem Ausweis fragte.
Es war ja nicht so, dass ich gar keine Freunde mehr gehabt hätte, sie sahen nur anders aus - bevorzugt grün, blau, blass oder bärtig. Wir schlossen uns zu einer Gilde zusammen, die sich in regelmäßigen Abständen verabredete. Bei diesen Terminen herrscht strikte Anwesenheitspflicht, bei der Familie, Bekannte oder Freunde ganz klar zurückstecken mussten. Selbst wenn Oma dann kein Geschenk zum Achtzigsten bekam, die Kumpel ihre Kneipentour alleine bestritten oder der lang geplante Kurztrip mit der besseren Hälfte ins Wasser fiel.
Allerdings teilte ich den Komfort einiger anderer Mitspieler, dass meine Freundin dem Zocken auch nicht abgeneigt war und ihren eigenen World of Warcraft-Charakter, eine Nachtelfe, pflegte. Das führte wiederum dazu, dass wir einige Monate der Beziehung in trauter Zweisamkeit vor unseren PCs zubrachten. Ohne die beiderseitige Affinität für das populäre Online-Rollenspiel hätte ich mich höchstwahrscheinlich schon längst wieder an das Single-Dasein gewöhnen müssen.
Glücklicherweise nahm sie die virtuelle Welt weniger ernst als ich und schaffte es durch konsequente Kritik und ständiges Gemeckere, mich Stück für Stück in die Realität zurückzuholen. Zunächst mit einem sanften Entzug vor dem Fernseher, um in der schwersten Zeit wenigstens einen Bildschirm vor der Nase zu haben, später mit einer geballten Ladung Frischluft. Nach schier unzähligen Wochen bekam ich endlich das Zittern meiner Hände in den Griff und sah auch keine Tauren oder Trolle mehr vor meinem geistigen Auge Polka tanzen.
Selber schuld?
Über die tatsächlichen Absichten der Macher von "World of Warcraft", "Second Life" und Co. kann ich allenfalls spekulieren: Vielleicht wollen sie die gesamte Erdbevölkerung in die Abhängigkeit treiben und heimlich versklaven, um irgendwann eine neue Weltordnung einzuläuten. Geht es etwa bloß darum, den Spielern mit einem simplen archaischen Prinzip möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen? Vielleicht stehen aber auch einfach Menschen dahinter, die es nur gut meinen und eigentlich nur den Spielspaß im Sinn haben? Oder bin ich am Ende sogar selbst für meine Sucht verantwortlich, weil mir der Wille zum Widerstand fehlte? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen.
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