Verkehrte Netzwelt: Weh oh Weh, WoW
World of Wahrnehmung
Nach meinen ersten erfolgreichen Schritten im Königreich Azeroth lernte ich die soziale Komponente des Multiplayer-Gamings kennen. Ich kommunizierte mit Mitspielern aus sämtlichen Teilen der Warcraft-Welt, sofern sie denn des Deutschen oder zumindest Englischen einigermaßen mächtig waren. Was in der Wirklichkeit gemeinhin als Small Talk bezeichnet wird, wurde auf eine Art "Micro Talk" reduziert. So war mein Schatz an Charakterstufen nach einigen Wochen bereits größer als mein Wortschatz, den ich für das Zusammenrotten mit anderen Spielern im Kampf gegen mächtige Computergegner oder dafür brauchte, um begriffstutzige Heiler an ihre Pflichten zu erinnern.
Nur in Randbereichen holte mich bisweilen die Wirklichkeit ein. Aber leider nicht so, wie ich es aus dem Prä-Warcraft-Zeitalter kannte. Gute Freunde und Bekannte mutierten auf einmal zu entbehrlichen NPCs (Nicht-Spieler-Charaktern), deren Denkweise sich mittlerweile gänzlich von meiner eigenen unterschied. Entweder wollte oder konnte ich keine anderen Gesprächsthemen finden als meine virtuelle Identität, zumal es sonst keine andere Freizeitbeschäftigung gab, von der ich hätte erzählen können. Freizeit war inzwischen ohnehin ein relativer Begriff:
Vorlesungssäle und Seminarräume hatte ich ohnehin schon lange nicht mehr von innen gesehen, zu sehr hielt mich meine 3D-Droge auf Trab. Ich hatte weder Speed noch Ecstasy nötig, um nächtelang durchzuzocken. Mein verwahrloster, mit Pizzaschachteln, Coladosen und anderem Wohlstandsmüll zugepflasteter Schreibtisch spiegelte in gewisser Weise mein Innerstes wieder - beides Dinge, um die ich mich schon lange nicht mehr gekümmert hatte.

Orkanisation
Wenn es nach der selbstauferlegten Schlaflosigkeit wieder einmal raus in die Realität ging, sei es zur Nahrungsaufnahme oder für den Gang zur Kaffeemaschine oder Toilette, sah ich vieles mit völlig anderen Augen. Und zwar mit denen eines Azeroth-Bewohners, nicht eines menschlichen Wesens aus Fleisch und Blut. So fragte ich mich an der Supermarktkasse des Öfteren, weshalb es die grimmig dreinschauende Orkdame mit der weiß-blauen Uniform auf einmal auf mein Gold abgesehen hatte. Nur um dann auf den zweiten Blick festzustellen, dass ich der Verkäuferin noch das Entgelt für zehn Dosen Ravioli schuldete.
Mit derartigen Wahrnehmungsstörungen hatte ich auch im eher beschaulichen Umfeld meiner Studenten-WG zu kämpfen. So kam es zum Beispiel vor, dass des Nachts eine Horde fieser Untoter an meine Tür klopfte und höflich um meine Audienz bat. Dabei handelte es sich aber bloß um meine Mitbewohner, die mich zu einem angesagten Szene-Club mitschleppen wollten. In seltenen Fällen ließ ich mich sogar von den vermeintlichen Zombies dazu überreden, etwa wenn wieder einmal der Spiele-Server überlastet oder ausgefallen war.
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