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Spieletest: Two Worlds
Dreikampf an der Rollenspielspitze

von Michael Dees Uhr veröffentlicht

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Ein weiterer Kandidat greift nach der Krone des Action-Rollenspiels. "Two Worlds" will es besser machen als das am eigenen Anspruch gescheiterte "Gothic 3". Eine lösbare Aufgabe. Ungleich schwieriger wird es, den US-Konkurrenten "Oblivion" aus dem Feld zu schlagen.

Weg ist sie, die Schwester. Wo genau, vermag ihr besorgter Bruder, in dessen Rolle der Spieler schlüpft, nicht zu sagen. Die Tatsache jedoch, dass der Kopfgeldjäger von Berufs wegen gut im Fahnden ist, macht Hoffnung auf ein Wiedersehen. Und tatsächlich gelangt der Suchende bald auf die richtige Spur. Vermummte Gesellen haben die schöne Kỹra entführt, um sich den tapferen Bruder dienstbar zu machen.

Der willigt ein, gibt aber zu verstehen, dass Ärger drohe, wenn die Angelegenheit geklärt sei. Welche Hintergründe diese Angelegenheit hat und welche Folgen, für das Geschwisterpaar wie für ganz Antaloor, der Welt des Spiels, ahnt der saturierte Fantasykenner: Es geht um anrückende Orkarmeen, böse Mächte und sagenhafte Relikte.

Die Welt ist nicht genug

Rollenspielwelten müssen heutzutage groß sein, nicht nur das haben die Programmierer von Reality Pump (Earth) beherzigt. Verschiedene Klimazonen sollten darin ebenso zu finden sein wie architektonische Vielfalt. In den Wäldern, in düsteren Verliesen sollten Banditen ihr Unwesen treiben, Monster und gefährliches Getier. Auch dürfen Kräuter und Pilze nicht fehlen, die der Spieler zu Tränken braut. Schlussendlich liegt es an plausibel agierenden Nichtspielercharakteren und Fraktionen, die Illusion einer lebendigen, funktionierenden Welt zu nähren.

Letzteres will "Two Worlds" nicht immer gelingen. Während es um die 3D-Bühne gut bestellt ist, patzen die Akteure, reagieren auf gewisse Aktionen oft unangemessen oder gar nicht. Ein unverfänglicher Smalltalk mit braven Bauern kann grundlos in Hass umschlagen und harmlose Bürger zu den Waffen greifen lassen, während das Plündern ganzer Häuser im Beisein der Besitzer ohne Folgen bleibt.

Nützlich: Waffen und Rüstungen des gleichen Typs lassen sich zu wirkungsvollen Einzelstücken kombinieren.

Sind die Möglichkeiten bei der Charaktererstellung anfangs begrenzt, stehen dem Helden bei seiner Weiterentwicklung viele Wege offen. Erfolgreiche Kämpfe und absolvierte Quests - darunter Originelles wie das Klauen einer Unterhose - füttern das Konto mit Erfahrungspunkten. Basiswerte wie Stärke (Krieger) oder Willenskraft (Magier) helfen beim Veredeln der angestrebten Klasse. So genannte Skillpoints gehen in aktiven und passiven Fähigkeiten auf, behandeln Aspekte wie Anschleichen, Taschendiebstahl, Waffenkunde, Schwimmen oder Reiten.

Die Vorfreude, sich mittels Pferden und Echsen fortzubewegen, verpufft sprichwörtlich im Galopp. Konsequenterweise hätte dieses Feature so nicht in die Verkaufsversion gelangen dürfen. Schon kleinere Felsen und ähnliche Hindernisse reichen aus, selbst den stärksten Gaul aus dem Tritt zu bringen. Im schlimmsten Fall es geht weder vor noch zurück. Was ratlosen Reitern in solchen Situationen bleibt, ist absteigen, ein paar Meter laufen und hoffen, dass sich der tierische Begleiter, dem Pfiff seines Halters folgend, aus der unsichtbaren Falle löst.

Reittiere sind aber nicht nur schnelles Fortbewegungsmittel. Ihre Satteltaschen bieten zusätzlichen Stauraum für Waffen und Gegenstände, die das Spiel in ungeheurer Zahl bietet und deshalb wie "Diablo" den Sammeltrieb weckt. Im Kampf haben berittene Helden ebenfalls Vorteile. Zum einen haben es Feinde schwerer, den Spieler in erhöhter Position zu attackieren, ferner verursachen Waffen mehr Schaden, werden sie vom Sattel aus geschwungen.

Der Tod ist kein Beinbruch

Unabhängig davon ist das Kampfsystem simpel - und kurzweilig. Ausgeteilt wird mit der linken Maustaste, häufig verwendete Tränke, Zaubersprüche oder Talente können frei zusammengestellt und über Hotkeys aktiviert werden. Ist der Gegner einmal zu stark gewesen oder zu zahlreich, stirbt es sich unbeschwert. Unweit des Tatorts feiern Totgeschlagene Auferstehung, ohne Ladezeiten, ohne Erfahrungspunkte oder Ausrüstung einzubüßen.

Gesichtsanimationen und Renderfilme könnten feiner sein. Besonders die gefangene Schwester, die regelmäßig an düsteren Knotenpunkten zu finden ist, sieht aus, als hätten ihre Entführer sie mit Cortison behandelt.

Optisch zeigt die Doppelwelt zwei Gesichter. Prächtige Texturen, realistische Wettereffekte, vielfältige Architekturen und phänomenale Weitsicht einerseits, anorganische Städte, karge Innensansichten und Dungeons auf der anderen Seite. Schwer zu kämpfen hat die 3D-Engine mit peinlichen Clippingfehlern, die der eindrucksvollen Atmosphäre wiederholt Stöße versetzen. Reittiere verschmelzen zwischen Kopf und Schweif mit Baumstämmen, Menschen können in Felsen und Säulen Verstecken spielen.

Gratulieren darf man den Verantwortlichen zur Wahl der Sprecher, die fast ausnahmslos überzeugen, im Falle der Hauptperson (Dietmar Wunder alias James Bond) sogar glänzen. "Two Worlds" ist das richtige Abenteuer für Lesemuffel, alle Dialoge sind vertont. Lobenswert sind die ebenfalls gesprochenen Einführungen in neue Kampftechniken, Diebestricks oder magische Grundlagen, für die der Held tief in die Tasche greifen muss. Die Musik von Harold Faltermeyer, der insbesondere Ü-30-Spielern ein Begriff sein dürfte, ist gefällig, dynamisch, aber nicht immer auf der Höhe des Geschehens. Wenn über den Handelsbildschirm nervöse Kriegsmusik poltert, fühlen sich Volkswirte möglicherweise mitgerissen, als Nicht-Ökonom ist man irritiert.

Einen baumstarken Helden haben wir uns anders vorgestellt, die Kollisionsabfrage muss dringend überarbeitet werden.

Zwei Welten, drei Thronanwärter

Dass moderne Games zeitgleich mit einem Patch veröffentlicht werden, daran sind Spieler inzwischen gewöhnt. Gefährlich dünn wird der Geduldsfaden, wenn es dann noch immer nicht rund läuft. Auch nach mittlerweile zwei Updates besteht für die polnischen Macher Nachholbedarf, sollen Aussetzer der Gegner-KI, wacklige Mehrspielerpartien oder Anflüge von Höhlenakustik auf weiter Flur endgültig der Vergangenheit angehören. So heftig wie in "Gothic 3" wütet der Fehlerteufel aber nicht. Abstürze oder spielerische Sackgassen, die zu einem Neustart zwingen, ergaben sich während des Tests keine.

Trotz der angeführten Mängel werden Fantasyfans gut unterhalten, zumindest diejenigen, die lieber jagen und sammeln statt eine Wissenschaft aus Regelwerk und Charakterentwicklung zu machen. Das einsteigerfreundliche "Two Worlds" lässt "Gothic 3" hinter sich, um freie Sicht zu haben auf jenen Thron, den "Oblivion" weiterhin besetzt.

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Ein weiterer Kandidat greift nach der Krone des Action-Rollenspiels. "Two Worlds" will es besser machen als das am eigenen Anspruch gescheiterte "Gothic 3". Eine lösbare Aufgabe. Ungleich schwieriger wird es, den US-Konkurrenten "Oblivion" aus dem Feld zu schlagen.

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Spieletest: Two Worlds
Spieletest: Two Worlds
Ein weiterer Kandidat greift nach der Krone des Action-Rollenspiels. "Two Worlds" will es besser machen als das am eigenen Anspruch gescheiterte "Gothic 3". Eine lösbare Aufgabe. Ungleich schwieriger wird es, den US-Konkurrenten "Oblivion" aus dem Feld zu schlagen..
http://www.netzwelt.de/news/75584-spieletest-two-worlds.html
2007-05-19 11:54:00
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Spieletest: Two Worlds