Verkehrte Netzwelt: Killerspieler als Klimakiller
Kleinkraftwerke
Kritisiert oder gar hinterfragt wird allenfalls von den noch unabhängigen Fachpressevertretern, die Hardware-Hersteller selbst scheint diese Entwicklung herzlich wenig zu tangieren. Nicht weiter verwunderlich, immerhin wollen auch völlig überdimensionierte PC-Netzteile im Kilowatt-Bereich an den verspielten Mann oder die zockende Frau gebracht werden. Beim Kauf eines neuen Mainboards ist es inzwischen fast schon schwieriger geworden, eine Platine mit nur einem statt zwei Grafikkarten-Steckplätzen zu ergattern. Eine zweite Grafikkarte im Rechner steigert zwar die Performance, aber leider auch den Energiehunger, und das nicht zu knapp.
Während sich manche Zeitgenossen bereits um ein paar Watt beim Standby-Energiebedarf ihrer Unterhaltungselektronik ernsthafte Sorgen machen, übertakten Hobby-Hardware-Tuner ihre PCs und erhöhen neben der Leistung und dem Risiko für verfrühtes Elektronikableben auch ihre nächste Stromrechnung. Nur in den wenigsten Fällen ein Akt der unbedingten Notwendigkeit, in den meisten mehr kurzweilige Freizeitbeschäftigung oder Befriedigung des digitalen Geltungsdrangs. Wer nicht selbst Hand anlegen möchte, kauft bereits fertig übertaktete Grafikware. Allerdings ist das Overclocking nicht mehr als der metaphorische Tropfen auf einen ohnehin schon glühenden Stein.
Spielkinderfreuden
Dass die Wartung des Familiensegens bisweilen mit harter Arbeit und hohem Finanzaufwand verbunden ist, wissen wohl die meisten Eltern aus eigener Erfahrung. Richtig kostspielig wird es allerdings, wenn der kleinste Sprössling plötzliche eine brandaktuelle Konsole braucht und der pubertierende Erstgeborene einen Gaming-PC, weil ihm PlayStation und Co. zu kindisch sind. Denn mit den Anschaffungskosten in vierstelligen Euroregionen ist es noch lange nicht getan.
Je nach Spielkonsum dürften sich allein die Folgeausgaben für den zusätzlichen Stromverbrauch schnell auf dreistellige Jahresbeträge belaufen. Aber wer sich die neueste High-End-Hardware überhaupt leisten kann, sollte auch damit zurechtkommen, Energieversorgern mit tendenziellem Monopolmissbrauch sprichwörtlich in die weit geöffnete Tasche zu spielen. Schließlich sollte auch niemand einen Porsche kaufen, der den teuren Unterhalt sowieso nicht aufbringen kann.
Zukunftsvisionen
Wenn das grafische Watt-Rüsten so weitergeht wie bisher, muss sich die Zockergemeinde früher oder später auf gravierende Änderungen ihrer heimischen Infrastruktur einstellen: Spielkonsolen mit Starkstromanschluss oder PCs mit Braunkohlespeisung bleiben dann bloß noch eine Frage der Zeit. Natürlich wird die Politik bis dahin nicht untätig bleiben: Computerspiele gibt es nämlich nur noch gegen Emissionsgutschein.

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