Kommentar: Nutzerrevolte stürzt digg.com in die Krise
Sitzblockade 2.0
Worum geht es dabei? Es begann damit, dass digg Nachrichten zu eben jenem aufgetauchten Key gelöscht hat. "Auf Wunsch der Rechteinhaber", sagt Moderator Jay Adelson in einer Stellungnahme und verweist auf die Nutzungsbedingungen von digg.com. Soweit verständlich, dienen solche Keys schließlich der unerlaubten Verfielfältigung. Deren Publikation auf einer kommerziellen Seite wäre für die Betreiber ein unwägbares juristisches Risiko. Doch die so alltäglich und logisch wirkende Maulsperre hat sich zu einem wahren Bumerang für digg entwickelt. Was als gewöhnliche administrative Aktion eines Moderators auf digg begann, hat sich zu einer handfesten Revolte entwickelt.
Dieser kleine digitale Knebel führte, dynamisch wie Unruhen sind, zu einem Krieg zwischen Nutzern und Betreibern. Der besagte Schlüssel ist zum Symbol für Freiheit, vielmehr aber für die Macht, die Betreiber von Web 2.0-Plattformen ihren Nutzern in die Hände geben, geworden. Denn mit vereinten Kräften ist es den verärgerten Nutzern gelungen, digg faktisch lahmzulegen. Sie nutzen alle sich bietenden Tricks, um den besagten Schlüssel auf der Startseite zu positionieren. Sie verwenden falsche Kategorien, falsche Überschriften. Moderatoren und Administratoren haben zwar die mächtigeren Waffen in Form von Löschung und Sperrung, aber die Stärke der Bürgerrevolte ist die schiere Zahl ihrer Teilnehmer.

Der Hintergrund
Es geht dabei nicht darum, massenhaft HD DVDs zu kopieren, der Nutzen des Keys steht im Hintergrund. Zwar entlädt sich bei dem einen oder anderen Werfer dieser virtuellen Brandsätze scheinbar auch der Ärger über restriktive Kopierschutzmechanismen, der Hintergrund ist aber ein ganz anderer: Es geht um Freiheit und es ist eine Machtdemonstration des Netz-Volkes. Von einem Kampf um Redefreiheit kann hier kaum eine Rede sein, denn deren Grenzen darf der Betreiber nach eigenem Gusto bestimmen.
Der Fall digg zeigt jedoch, dass die Durchsetzung solcher Rahmenbedingungen gegen eine Masse Aufständische völlig unmöglich ist. Denn schließlich basiert diggs Erfolgsrezept darauf, dass alle Nutzer Schreibrechte haben. 32 Zeichen beweisen der Industrie und Seitenbetreibern, dass Informationen im Web frei sind und in wenigen Minuten an Tausenden Orten auftauchen können. Die Webnutzer setzen ein demonstratives Zeichen: Informationen können im Netz nicht mehr eingefangen werden, wenn sie einmal bekannt geworden sind.
Wirtschaftliches Risiko
Digg zeigt aber auch, dass Web 2.0 und "User generated content" im Positiven aber auch im Negativen eine enorme Macht haben können. User sind das Kapital solcher Plattformen und wenn diese Sturm laufen, kann das ein Unternehmen, das an der Börse notiert ist oder in Verkaufsverhandlungen steht, schnell etliche Millionen kosten. Denn solche Aktionen stellen die kommerzielle Zukunftsfähigkeit solcher Konzepte deutlich in Frage.
Hier gibt es kein Gut oder Böse, kein richtig oder falsch. Es zeigt aber die Möglichkeiten der Nutzer, die Abhängigkeit der Betreiber vom Wohlwollen und der Disziplin der Surfer. Und es zeigt, dass die Konzepte unter dem Schlagwort "Web 2.0", das längst alt und abgegriffen wie die Knöpfe eines Radios aus Großmutters Zeiten wirkt, längst nicht immer auf soliden Fundamenten fußen. Digg hat mittlerweile kapituliert und lässt die Menge gewähren. Ein Putsch im rasenden Tempo des Webs.

Im Forum diskutierenBeiträgeinsgesamt 1 Beitrag
Guter Artikel übrigens. Ausgewogen dargestellt und ergebnissoffen ohne suggestive Elemente. Sowas ist mittlerweile selten im Netz geworden. Gruss