Im (Blut-)Rausch der Tiefe
Spieletest: Red Ocean
Ein Bootsmann namens Jack, der in gefährliche Gewässer eindringt, gänzlich ungelegen kommt und deshalb pausenlos den Zeigefinger krümmen muss - klingt irgendwie nach "Far Cry", das wie "Red Ocean" in Deutschland entwickelt worden ist. Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Trägt ein Computerspiel die Farbe Rot im Titel, dann selten deshalb, weil die Programmierer einen Bezug zu Rosen herleiten wollen. "Red Ocean", entwickelt in den Collision Studios und vertrieben von dtp, färbt Meerwasser blutrot, indem es Actionfans Tiefseeterroristen vor die Flinte setzt.
Hard am Limit
In einer von den Sowjets erbauten und nach Ende des Kalten Krieges vergessenen Unterwasserstation brüten Terroristen über den Plänen einer Massenvernichtungswaffe. Exakt über dieser riesigen Tiefseestation ankert zu Spielbeginn ein Boot, von dem aus zwei Männer einen Tauchgang unternehmen. Einer davon, so stellt sich nach seinem raschen Tode heraus, ist CIA-Agent.
Der andere heißt Jack Hard, ist eigentlich Tauchlehrer, aber schon wegen seines Nachnamens zu Höherem berufen. Und so schnappt sich Herr Hard eine Pistole, die er im Verlauf einer viel zu kurzen Spielzeit gegen größere Waffen tauscht, um den feucht-fröhlichen Terrorladen aufzumischen.
Die das Wässerchen trüben
Abgesehen von spärlichen Tauchabschnitten und Örtlichkeiten, in denen man sich nasse Füße holt, könnte "Red Ocean" ebensogut "Red Tunnel" heißen oder "Red Factory". Die meiste Zeit wird nämlich in dunklen Korridoren und Hallen geballert, in denen zwar atmosphärisch Lichter kreisen, bis auf seltene Seegräser und Fische hinter Panzerglas aber wenig an Tiefsee erinnert.
Wenn dem Spieler doch einmal das Wasser bis zum Halse steht, sind meist fehlende Medipacks und zähe Bossgegner daran schuld. Als ungebetener Gast hat Jack Hard sogar ein U-Boot zum Feind. Weniger Probleme bereitet der Durchschnittsterrorist, der, hinter jeder Ecke postiert, fehlende Cleverness durch Rudelbildung kompensiert. Wenn die kriminellen Wasserträger nicht mit Hurra ins offene Feuer rennen, suchen sie Schutz (auch) hinter explosiven Kisten und Fässern. Das Waffenverhalten der teils konventionellen, teils utopischen Witwenmacher ist im Sinne der Action durchweg simpel, genau wie der Rest der Steuerung.
Als Grafikmotor dient das 3D-Faktotum Gamebryo, dem das Spielervolk immerhin Schönheiten wie "TES VI: Oblivion" verdankt. So ist die Optik bei vertretbaren Systemanforderungen zwar durchaus gut, die Tatsache jedoch, dass "Red Ocean" auf eine einzige CD-ROM passt, verheißt schon vor der Installation eine eher durchwachsene Texturenqualität. Gefällige Wassereffekte und durch Druckwellen erzeugte Verzerrungen bereichern das Gesamtbild nichtsdestotrotz. Offenkundig sind Wiederholungen im Leveldesign, mehrfach sind aneinandergrenzende Räume lediglich gespiegelt. Kreativität sieht anders aus.
Die Sprachausgabe, bei dtp sonst Herzensangelegenheit, rangiert im Mittelmaß. An der unsympathischen Stimme des Action-Aquanauten könnten Zyniker aber durchaus Gefallen finden. Musikalisch gibt sich "Red Ocean" grundsolide, auf dezent niedrigerem Niveau bewegen sich Waffensounds und Umweltgeräusche.
Das dickste Haar in der Ozeansuppe ist fraglos der Preis, der dem geringen Umfang des Spiels nicht gerecht werden will. Im "Red Ocean"-Forum behaupten User, das Game in drei Stunden durchgespielt zu haben. Das ist sicher möglich, gemeingültig sind solche Aussagen aber nicht. Und doch dürfte die dürfte die Ozeanunterquerung in den seltensten Fällen länger dauern als sieben Stunden. Apropos Ozean: Ins Wasser gefallen ist der für Actiongames fast schon obligatorische Mehrspielermodus.
