There: Die andere Parallelwelt
Mittagspause im Konsumtempel
Mr. Bonbon bewohnt gemeinsam mit seiner Freundin, die in der realen Welt in Florida lebt, ein Haus. Auf der Fahrt dorthin sehe ich erst einmal nichts als grüne Landschaft. Als mein Fahrer sich mit den Worten "Wir sind da!" aus dem Buggy schwingt, sehe ich mich nur verwundert um - hier steht rein gar nichts! "Das dauert eine Weile. Sag Bescheid, wenn du das Haus siehst. Dann gehen wir rein." Wo so viele neue Objekte sind, dauert es es trotz DSL-6000 eine Weile, bis der Server alle Informationen durch die Leitung geschoben hat.
In der virtuellen There-Welt sind Mr. Bonbon und seine Freundin sogar verheiratet. Die Hochzeitsurkunde bewahren sie in einem hölzernen Rahmen im virtuellen Arbeitszimmer auf. "There ist einfach wunderbar, um über eine längere Distanz in Kontakt zu bleiben," bestätigt Mr. Bonbon meine Vermutung. "Das ist besser als jeder Chatroom." Genau wie Mr. Bonbon nutzen viele There-Bewohner die Plattform, um Bekanntschaften zu pflegen und Leute kennenzulernen. Spaß steht dabei meistens im Vordergrund.
Ob Konzert, Autorennen, Schnitzeljagd oder einfach Herumsitzen mit Freunden und Online-Bekanntschaften - der Möglichkeiten gibt es viele. Auch warten virtuelle Ausflugsziele und Bildungsstätten auf Besucher: Während die Pyramiden von Gizeh einfach eine nette Kulisse darstellen, könnte man mit der Unterstützung von Muttersprachlern auch Französisch, Spanisch oder Italienisch lernen. Als Premium-Mitglied steht dabei nicht nur die Tastatur, sondern auch ein plattform-eigener Voice-Chat zur Verfügung.
Egal welcher Beschäftigung man gerade nachgeht: Kurz vor halb eins am Mittag beginnen alle, sich hastig zu verabschieden. Wenn es an der amerikanischen Westküste 3.30 Uhr ist, beginnt Makena Technologies mit den nächtlichen Wartungsarbeiten, die etwa eine Stunde in Anspruch nehmen. Eine Zwangspause, die für manchen Bewohner sicherlich gar nicht mal so verkehrt ist. Ich verabschiede mich von allen netten Bekanntschaften und sitze körperlich und geistig wieder in der netzwelt-Redaktion.
There und SL: Da liegen Welten dazwischen
Während There schläft, schaue ich mir die technischen Voraussetzungen an und ziehe einen Vergleich mit Second Life: Als Online-Welt wirkt There dynamischer und bunter, fast etwas comichaft. Dagegen sind Karten und Orientierungshilfen eher statisch, die Suchfunktion lässt zu wünschen übrig. In Sachen Realismus haben beide ihre Schwächen: Während ich bei Second Life ohne Hilfsmittel fliege, kann ich bei There wie Jesus über das Wasser gehen. Nette Leute gibt es hier wie dort. There-Avatare können ihre Gefühle mit Gesten allerdings besser ausdrücken.
There
\"Auf dem Berg dort drüben findest du Klamotten. Aber beeil dich, sonst ist alles weg...\"
Je nach Anzahl der neuen Texturen dauert es eine Weile, bis ganze Häuser aufgebaut sind.
Schräg, aber jugendfrei: There-Bewohner ziehen sich für die Kamera aus.
Unterwegs mit dem Hoverboard. Fliegen ist nicht möglich, dafür ist das Hoverboard als schnelles Fortbewegungsmittel schon von Beginn an im Inventar.
Sieht gut aus, hält ohne Bezahlen aber nur fünf Minuten: Anprobe im Spa.
Autos scheinen in There eine realistischere Fahrdynamik zu besitzen, einen Tag- und Nachtwechsel gibt es dagegen nicht. Warum nun gerade Second Life inzwischen mehr als fünf Millionen Mitglieder hat und There nur knapp 750.000, lässt sich nur mutmaßen. Beide Dienste gibt es schon seit mehreren Jahren. Drei Vermutungen wage ich aber aufzustellen, um die größere Beliebtheit von Second Life erklären.
Fazit: Drei Thesen
Da wäre zum einen das Betriebssystem: Second Life ist plattformunabhängig, die Software gibt es sowohl für Windows als auch für den Mac, eine Linux-Version ist in Arbeit. There dagegen ist auf Windows beschränkt und greift auf den Internet-Explorer sowie ActiveX-Steuerelemente zurück, von denen auf anderen Websites ein Sicherheitsrisiko ausgehen kann. Mit alternativen Browsern wie Firefox oder Opera kann der There-Client von Haus aus nichts anfangen.
Ein zweites Argument ist der Kaufzwang: Um sich vernünftig einkleiden zu können, ist ein There-Premium-Account erforderlich. Das geht bei Second-Life einfacher: Auch der Gelegenheitsspieler, der nicht unbedingt Geld ausgeben möchte, kann sein Outfit nach belieben ändern. Es gibt viele Gegenstände von der Jacke bis hin zum UFO völlig gratis - man muss nur suchen oder die Tutoren fragen.
Dann wäre da noch Sex: Während Second Life eine florierende Cybersex-Industrie beherbergt, verzichtet There ganz auf pornographische Inhalte. Der gleiche Gegensatz hat in den Achtzigerjahren schon den Kampf zwischen Video2000 und VHS entschieden, im Wettbewerb zwischen Blu-Ray und HD-DVD könnte es ähnlich passieren. Denn wenn sich die Mehrzahl der Nutzer für schlüpfrige Inhalte entscheidet, nützt auch das beste System wenig. Da im weltweiten Netz aber kaum etwas absolut ist, wird There als eine andere Parallelwelt trotzdem weiterexistieren.

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"Da im weltweiten Netz aber kaum etwas absolut ist, wird There als eine andere Parallelwelt trotzdem weiterexistieren." Leider nicht. Am 9.3.2010 hat There die Pforten dichtgemacht. Die Krise hat auch...