Jenseits von Second Life
There: Die andere Parallelwelt
Internet & Netzwelt
Kleider machen Leute: Teures Feigenblatt
Nein, so kann ich nicht länger herumlaufen. Mit orangefarbenem Hawaii-Hemd, grauen Shorts und Sandalen bin ich nicht wirklich standesgemäß gekleidet. Als netzwelt-Redakteur möchte man schließlich eine gewisse Seriosität vermitteln. Selbst wenn man als mittelloser Reporter gerade in einer virtuellen Welt angekommen ist.
Mein virtuelles Ich steht am Strand von Zona Island, der dem Waikiki Beach nachempfunden sein mag. Mit meinem Outfit bin ich hier zwar nicht so fehl am Platze wie auf einem Staatsbankett - ein kurzer Blick umher offenbart aber: Fast jeder trägt hier die gleiche legere Freizeitkombi. Das leuchtende Orange gleicht einer Warnung: Achtung - Neuankömmling! Genauso wird man dann auch behandelt. Die erste Reaktion auf meine freundliche Frage nach besserer Kleidung: "Siehst du den Berg dort? Ganz oben findest du ein kleines Lager mit Klamotten. Aber beeile dich, sonst ist alles weg."
Inhalt
- Geld regiert die Welt
- Autorennen und Flugbereitschaft: Virtuelle Verdienstmöglichkeiten
- Ingenieur und Besucher, Jung und Alt
- Ganz wie in echt: Banken und Immobilien
- Mittagspause im Konsumtempel
- There und SL: Da liegen Welten dazwischen
- Fazit: Drei Thesen
Kleider machen Leute: Teures Feigenblatt
Na vielen Dank. Nach dieser unfreundlichen Begegnung halte ich mich an die automatische Kurzeinweisung und besuche ein Spa. Dort soll das gepflegte Avatar-Äußere modelliert werden können. Hinter dem entsprechenden Hinweisschild steht jedoch nur ein kleiner Strandpavillon anstelle der erwarteten Wellness-Oase. Doch ein kleines Podest reicht aus, um Gesichts- und Körperdimensionen des virtuellen Alter Ego genau so schnell zu ändern wie dessen Kleidungsstil. Um die persönlichen Idealmaße zu halten, ist dann weder Körperpflege noch Bodybuilding nötig.
Auch wenn der There-Bewohner auf seinen virtuellen Körperbau noch so stolz sein mag: Allzu freizügig zeigen darf er ihn nicht. Was ein Mensch mit normal ausgeprägtem Schamgefühl in der Öffentlichkeit verhüllt, muss auch in dieser virtuellen Welt verdeckt bleiben - so wollen es die Gesetzgeber, namentlich Makena Technologies Inc. Sexy darf die Kleidung trotzdem aussehen. Mir schwebt für meinen Avatar jedoch etwas anderes vor.
Besser als Sandalen und Shorts, hält aber nicht lange. Anprobe im Spa (Klick vergrößert)
Ein für Online-Redakteure angemessenes Outfit ist im Spa schnell gefunden. Zum Umziehen verschwindet mein Avatar kurz hinter einem Paravent, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen. Passt alles. Behalten darf ich Poloshirt, Hose und Schuhe allerdings nicht: Solange nicht ein paar Tausend Therebucks den Besitzer wechseln, sind nur fünf Minuten Probetragen erlaubt. Arm wie ich auf dieser Insel angekommen bin, verschwindet die Garderobe wieder im Nirvana. Also erst einmal umsehen, ob es nicht etwas für umsonst gibt.
"Typisch Neuling, die fragen entweder nach Kleidung, Geld oder Küsschen," sagt Katina und kugelt sich vor Lachen. "Und gerade die jüngeren Bewohner haben oft keine Manieren." Katina ist die erste, die mich trotz des orangenen Hemds als Gesprächspartner akzeptiert. Sie stellt sich mir als Mittdreißigerin aus Wales vor. Nachdem sie über mein berufliches Anliegen Bescheid weiß, erklärt sie sich bereit, mir die Welt von There näherzubringen und zeigt: Daumen hoch!
Von Katina erfahre ich, dass Therebucks nicht auf der Straße herum liegen. Um an das virtuelle Zahlungsmittel zu kommen, ist ein Premium-Account für einmalig 9,95 US-Dollar nötig. Per Kreditkarte kann dann umgetauscht werden: 1.800 Bucks für einen Dollar. "Wenn man Kontakte knüpft und an Events teilnimmt, erhält man ein paar Gegenstände kostenlos", erklärt Katina. Mit roter Pappnase oder Bunny-Pantoffeln fühle ich mich aber immer noch gebranntmarkt. Dann doch lieber Premium-Mitglied werden und zahlen. Oder für die harte Währung arbeiten. Denn Geld verdienen kann in There auch Spaß machen.
There
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