Verkehrte Netzwelt: Früher war alles schlechter
Mut zur Würdelosigkeit
Dass Gewalt und körperliche Unversehrtheit nicht im Widerspruch stehen müssen, beweist ein anderes Massenphänomen. Wo Kinderhäute beim Freiluftspielen früher quadratmeterweise aufgeschürft wurden, garantieren blutige "Killerspiele" heute verletzungsfreie Unterhaltung. Da lacht das Elternherz. Und weil die lieben Kleinen unter freiem Himmel keine geregelte Nahrungszufuhr praktizieren, bietet der heimische PC als Spielgefährte einen weiteren Vorteil: In den eigenen vier Wänden kann die Brut (Chips) essen und (Cola) trinken, wann und so viel sie will. Vorbei die Zeit der Dehydrierungen auf blutgetränkten Bolzplätzen.
Apropos Kinderspiel: Räuber und Gendarm, jener Klassiker der infantilen Freizeitbeschäftigung, wird heute verstärkt auch von Heranwachsenden ausgeübt. Obwohl: Nur Räuber wäre vielleicht treffender formuliert. Virtuelle Marktplätze und Probierstuben bieten eine bunte Spielwiese für alle, die neben der schnellen Finanzaufbesserung den Kitzel des Verbotenen suchen. Um vergleichbare Gefühle zu entfachen, mussten früher mühsam Straßenlaternen mit Fußtritten eingedeckt werden oder Papas Pornoheftchen mit heidnischen Blicken. Letzeres ist ein Relikt des Vergangen: Dank Googles Bildersuche kann sich heute jeder Knirps die komplette Bandbreite der menschlichen Sexualität bis in die letzte Verrenkung vor Augen führen; er muss lediglich drei Buchstaben in Reihe tippen können.
So viel Frühreife wird mit frühem Kinderreichtum belohnt. Das belegt ein Heer von Talkshow-Gästen im Privatfernsehen, das dem öffentlich-rechtlichen Grau von einst freche Farbkleckse beibrachte. Früher hätte die 19-jährige Hausfrau, die ihrem vorbestraften Verlobten sieben Kinder gebar, ihr zahnloses Lächeln keiner TV-Kamera schenken dürfen. Heutzutage kommt fast jeder ins Fernsehen, der die Wahrung der eigenen Würde nicht maßlos überbewertet.
So manchem verhilft gar der Besuch einer live ausgestrahlten Veranstaltung zu unverhoffter TV-Präsenz. Wer hat sie nicht lieb gewonnen, die frechen Winker im Hintergrund, die, von befreundeten Zuschauern über die Komparsenrolle informiert, sympathisch über die Schultern der Fernsehleute winken? Ermöglicht wird die Blitzkommunikation durch das Handy. Wie, so fragt man sich heute, hatte der Mensch so lange ohne Mobiltelefon überleben können. Kecke Klingeltöne, bedingungslose Erreichbarkeit und die Aussicht auf kryptische Kurzmitteilungen: das, und nur das, muss Alexander Graham Bell dereinst im Sinn gehabt haben - allein ihm fehlten die technischen Möglichkeiten.
Wir leben in herrlichen Zeiten. Die Vorteile unserer modernen Gesellschaft ließen sich noch seitenweise fortsetzen. Früher hätte man dafür eine Schreibmaschine gebraucht sowie ein leises Gespür für Orthographie. Heute übernehmen das Schreibprogramme. Es war eben alles schlechter früher.
