Aufforderung zum Tanz ums Goldene Technikkalb

Verkehrte Netzwelt: Früher war alles schlechter

Verkehrte Netzwelt: Früher war alles schlechter Früher war alles schlechter. Der ewig Gestrige mag da anderer Meinung sein, ja frech behaupten, das Gegenteil sei der Fall. Dabei genügt es, das Zeitrad schlappe 30 Jahre zurückzudrehen - und schon wird die Crux jener steinzeitlich anmutenden Tage offenbar. Wo stünden wir heute, wenn die Technik nicht jeden Bereich des Lebens revolutioniert und vereinfacht hätte? Netzwelt über die Segnungen moderner Technik.

Als technologischer Schrittmacher gilt seit jeher der Konflikt. Besonders das Bomben geschüttelte 20. Jahrhundert lieferte eine Unzahl neuer (Tötungs-)Technologien - und die Lösung für Folgeschäden gleich hinterher. Als Reaktion auf die im Giftgas geblendeten Krüppel des Ersten Weltkriegs führten die Deutschen beispielsweise den Blindenhund ein. Nicht ganz Goldenes Technikkalb, aber Fortschritt auf vier Beinen allemal.

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Heute sind hoch technisierte Staaten in der Lage, entlegene Ziele im Feindesland zu attackieren, ohne das Leben eigener Soldaten zu gefährden, unbemannten Drohnen und intelligenten Bomben sei Dank. Ein Segen für reiche Industrienationen. Denn so lassen sich mutmaßliche Fabriken für Massenvernichtungswaffen, in Schurkenstaaten errichtet von Schurkenhand, gleichsam rasch und bequem in Bauschutt verwandeln. Den Beweis für die Existenz jener Todesfabriken lädt man sich zuvor aus dem Internet. Weltpolitik kann heutzutage so einfach sein.

Musik und rauhe Töne

Neben maßgeschneiderten Kriegsgründen finden sich auch andere nützliche Dinge im Internet. Kostenlose Musik zum Beispiel. Die Tatsache, dass früher nur Musik konsumiert wurde, für die der Konsument auch zu zahlen bereit war, muss dem jugendlichen Filesharer den Kiefer spreizen. Für den Künstler oder denjenigen, der von anderen dazu (v)erklärt wird oder sich für einen solchen hält, haben sich die Bedingungen infolge des Technikwandels ebenfalls geändert. Früher gab es noch vermehrt Musikanten, die sich in echten Tonstudios die Finger an abgegriffenen Instrumenten schmutzig machen mussten. Heute ist das einfacher, jeder kann am Computer Musik machen. Und selbst wer keine Musik machen kann, schummelt sich kraft elektronischer Helferlein vereinzelt in die Charts.

Ist jemand mit der so entstandenen Musik nicht bedingungslos einverstanden, darf er seine Kritik öffentlich kundtun. Zu jedem Thema darf man seine Meinung öffentlich kundtun, sogar dann, wenn man überhaupt nichts zu sagen hat. Als Kommunikationsplattform ist das Internet nicht mehr wegzudenken. Infolgedessen ist auch die Streitkultur einem Wandel unterworfen. Die Anonymität des Datennetzes animiert auch weniger kommunikative Zeitgenossen dazu, sämtliche Verbalhemmungen abzustreifen. Was man sich früher nicht auszusprechen gewagt hätte, geht in Chaträumen und Foren heute leicht von der Hand. Schließlich hat der, dessen Mutter Geld für Liebesdienste nehmen soll, keinen Schimmer, wer die arme Frau Mama derart diskreditiert. Ganz anders früher: In einem persönlichen Zwiegespräch konnte der Gebrauch von Schmähwörtern leicht körperliche Gewalt provozieren. Das Internet als friedenstiftendes Medium?

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