Verkehrte Netzwelt: Verbietet "Raserspiele"!
Rollernde Gefahr
Mit 16 hatte ich mit dem so genannten "80er"-Führerschein endlich eine legale Möglichkeit in der Tasche, meiner Temposucht zu frönen. Leider reichte das Budget nur für einen italienischen 50er-Roller, bei dem lediglich die Optik an soetwas wie Geschwindigkeit erinnerte. Die fehlenden Pferdestärken kompensierte ich einfach durch eine besonders dreiste Fahrweise: Weder Radwege, Fußgängerzonen noch der Zwischenraum von zwei fahrenden Autos waren vor mir sicher. Sicher war sich dafür die Motorradstreife, als sie mir deshalb einen saftigen Strafzettel in die Hand drückte.
Selbst die folgende Nachschulung dämpfte meinen latenten Drang zur Raserei in keinster Weise. Ganz im Gegenteil: Angespornt von den viel schnelleren 80er-Fahrern motze ich das untermotorisierte Italo-Zweirad auf, was die bunte Plastikkarosse hergab. Das brachte nicht nur die Skalierung des Tachos an seine Grenzen, sondern ging gleichzeitig auch weit über die Grenzen der Legalität hinaus. Dass ich nie gelernt hatte, mit meiner Freizeit etwas Sinnvolles anzufangen, fiel als mögliche Begründung natürlich flach. Schließlich frönte ich zu diesem Zeitpunkt leidenschaftlich einem Motorradrennspiel namens "MotoRacer".
Aus der Fahrschule, aus dem Sinn
Als ich kurz vor der Volljährigkeit endlich den Autoführerschein machen durfte, war ich den anderen Fahranfängern kilometerweit voraus. Zumindest was die Beherrschung des PKWs anbetraf, denn immerhin konnte ich bereits auf langjährige Erfahrungen hinter dem Steuer zurückgreifen. Bei den Verkehrsregeln sah die Sache allerdings schon ganz anders aus. Sehr zum Leidwesen des Fahrlehrers, der nach jeder Fahrstunde schweißgebadet ausstieg und seinen Herzschlag erst einmal auf ein weniger gesundheitsschädliches Niveau herabsenken musste. Normalerweise war er nämlich eine andere Rollenverteilung gewohnt.
Für die theoretische Prüfung brauchte ich gleich mehrere Anläufe. Kein Wunder, vorausschauendes Denken und Handeln zählte ja noch nie zu meinen Stärken. Dafür war der Fahrlehrer gleich beidem mächtig und brachte mich aus Rücksicht auf sein eigenes Leben so schnell wie möglich zur praktischen Abnahme. Als er dem Prüfer unauffällig ein Bündel blauer D-Mark-Scheine in die Hand drückte, wusste ich gleich, dass ich nach der nächsten halben Stunde nicht als Verlierer aus dem Wagen steigen würde.
Als Hauptursache für den völlig traumatisierten Fahrlehrer mache ich den dritten Teil der Need for Speed-Serie "Hot Pursuit" verantwortlich. Die wilden 3D-Verfolgungsjagden mit der Polizei erzeugten eine heftige allergische Reaktion auf die hiesigen Ordnungshüter, die beim Anblick derselben jedes Mal einen spontanen Reiz des rechten Fußes auslöste. Zudem wurden aus anderen motorisierten Verkehrsteilnehmer Gegner, die es um jeden Preis zu besiegen galt. Die Idee, dass der angestaute Frust, von der Gesellschaft benachteiligt worden zu sein und aller Welt die Rücklichter zeigen zu wollen, etwas damit zu tun haben könnte, kam mir erst gar nicht in den Sinn.

Sagen Sie Ihre Meinung!