Rassismus unter Betriebssystemen
Verkehrte Netzwelt: Keiner mag mich, ich habe Vista!
Eigentlich könnte ich ja wirklich stolz sein: Meine Kollegen sprechen mich nicht mehr mit Namen an, sondern nennen mich nur noch ehrfürchtig "Mister Vista". In Fernsehen und Podcasts als Experte für das neue Windows angepriesen, sollte ein zufriedenes Lächeln mein ständiger Begleiter sein. Doch hinter den Kulissen sieht es anders aus: Mein Vista-PC und ich gehören nicht dazu. Wir sind irgendwie Außenseiter, keiner will etwas mit uns zu tun haben. Eine Leidensgeschichte.
Es fängt schon morgens an: Während die anderen Kollegen sich an den Schreibtisch setzen und ihre Computer aus dem erholsamen Tiefschlaf holen, muss ich wieder einmal erfahren, dass mein Vista-Rechner kein Auge zugetan hat. Er geht am Ende eines harten Redaktionstages nämlich nur in den Ruhemodus, die blaue Bereitschafts-LED blinkt sich einsam durch dunkle Nächte. Und niemand bezweifelt mehr als ich, dass auch nur eins der erzkonservativen XPs einen Finger rühren würde, um dem Neuankömmling, dem Emporkömmling, beizustehen in jenen bitteren Stunden. Ganz im Gegenteil.
Digitale Diaspora
Anders ist immer, wer in der Unterzahl ist. Die Mehrheit regelt die Macht und macht die Regeln. Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Allesamt kluge Worte, die mein Vista und ich am eigenen Leib spüren. Das neue Spiel, bessere Hardware oder spannende Freeware - permanent sind wir außen vor, abgegrenzt und uns selbst überlassen. Treiberkonflikte sind unsere Hautfarbe, Inkompatibilitäten unsere Kultur. Fehlt nur noch, dass sich einer der XP-Computer wegen des Ressourcenhungers beschwert, Vista nehme ihm seine Lebensgrundlage weg - und den Arbeitsplatz womöglich gleich mit dazu. Klingt unangenehm vertraut, nicht wahr?

Extrem feindliche Szenen spielen sich auch im Redaktions-Netzwerk ab, dem Geflecht der Gemeinschaft, dem Brunnenloch des Wüstendorfes. Wer sich hier nicht zeigt, gehört auch nicht dazu. Vista darf nicht dazu. Kommt nicht ins Netzwerk, hat keinen Zugriff auf den Drucker und muss zu Hause bleiben. Unser Systemadministrator spricht von Problemen mit den Domains und fehlenden Accounts, vertröstet mich andauernd. Für mich klingt das nach wissentlichem Beschneiden von Betriebssystem-Rechten. Nach digitaler Diaspora. Das ist nicht nur Mobbing, da ist mehr: Mein Vista-PC ist unerwünscht. Nicht nur im Büro, sondern generell.
Mich trifft das hart, denn ich mag mein Vista, finde die Andersartigkeit spannend, eine Erweiterung des Horizonts geradezu. Vorurteilsfrei an die Sache heranzugehen und Gutes in einem neuen Betriebssystem zu sehen - dieses Talent ist ganz offensichtlich nicht jedem beschieden. Hier schimpft einer auf Apple, da steht Linux unter Beschuss - nur von der Perfektheit des eigenen Betriebssystems ist natürlich jeder überzeugt. Die Weltpolitik geht mit schlechtem Beispiel voran, und die Computerwelt - eigentlich eine verschworene Gruppe voller Social Networking und User-generated Content - stapft entschlossen hinterher. Kein 9/11 ging dem Dilemma voraus, sondern ein simpler Betatest. Das Ergebnis ist auch kein Terroristen-OS, sondern ein Vista wie du und ich.
Eifersucht ist eine Leidenschaft...
...die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Und genau das sind die anderen Betriebssysteme hier bei uns in der netzwelt: Eifersüchtig. Neidisch. Ängstlich. Denn dem Usurpator Vista wird die Zukunft gehören, das dämmert auch den ignorantesten unter ihnen. Gutes Aussehen schadet nur dem, der es nicht hat - auch davor fürchten sich die Kollegen im XP-Flügel draußen rechts. Mein Vista erstrahlt in luftig-leichter Aerotik und lässt am Fensterrand auch mal gerne tief blicken. Und selbst wenn dieser Exhibitionismus nur dazu dient, für mehr Akzeptanz zu sorgen: So sei es und es sei gut so. Wer zuletzt lacht, kriegt DirectX.
Eigentlich könnte ich also doch weiter stolz bleiben: Wenn in einigen Jahren der Support von XP eingestellt und das angegraute Betriebssystem - sich zu 95, 98 und ME gesellend - weggestellt wird, ist die große Unbekannte in der Computergleichung bereits in meinem engsten Freundeskreis. Wo die Ewiggestrigen und vormaligen Betriebssystem-Rassisten mit Schuldgefühlen und kühlem Handschlag auf Vista zugehen müssen, habe ich mit dem neuen Windows bereits Geheimnisse, Insider und Urlaubsfotos ausgetauscht. Gar nicht so plötzlich sind wird nämlich alle Vista. Doch nur ich bin ihr Mister.
Links zum Thema
- Verkehrte Netzwelt: Hinsetzen, Hefte raus, Vista ist da!
- Verkehrte Netzwelt: Hasta la Vista? Hasta nix Lusta.

Sehr schöner Artikel! Ich stimme dir auch voll und ganz zu, ich war Vista User der ersten Stunde und hatte nicht einmal Probleme damit! :D
naja vista wurde nur entwickelt um irgendwas zwischne blackcomb (win7) und XP zu haben und war nie mehr als eie Zwischenversion.... deshalb hat man es auch recht bald fallengelassen. vista ist sowas wie windos 7 0.7....
Herrlich! Aber es ist halt auch so: Vista ist nicht im Ansatz wirklich fertig. Ich habe Grafikfehler bei Aero und jede Menge Ungereimtheiten. Aber: Vista skaliert deutlich besser mit hohen DPI-Zahlen. Zumindest, wenn...