In der einen Hand die Kalaschnikow, in der anderen den Laptop
Internet & Netzwelt: "Das Internet ist die Universität des Jihad"
Immer wieder hörte man nach Terroranschlägen in Europa in den Nachrichten, dass sich die Täter zuvor über das Internet verabredet hatten. Ist das Netz ein Sammelplatz der Terroristen? Bedeutet weltweite Vernetzung auch die weltweite Verbreitung radikaler Ziele? Wir sprachen mit Rolf Tophoven vom "Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik" über die Aktivitäten von terroristischen Organisationen im Internet.
Inhaltsverzeichnis
- 1Das Web, der unkontrollierbare Raum?
- 2Das Web als Terrorschnittstelle?
- 3Terrorausbildung über das Internet
- 4Verschlüsselte Botschaften und Onlinedurchsuchungen
Das Web, der unkontrollierbare Raum?
Rolf Tophoven
Rolf Tophoven ist Leiter des "Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik", kurz IFTUS, in Essen. Der studierte Historiker beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Terrorismus und Guerillakriegsführung
"Das Internet ist eine virtuelle Welt, die kaum zu kontrollieren ist", sagt Tophoven. Nicht nur für normale Bürger wird das Netz immer wichtiger: "Das Internet ist für Terroristen das Kommunikationsmittel schlechthin." Seit der Zerschlagung des al Qaida-Netzwerkes in Afghanistan seien die Terrorgruppen zersplittert. "Al Qaida steht heute nicht mehr für eine Organisation, sondern eine politische Ideologie, die von vielen islamistischen Gruppen auf der ganzen Welt geteilt wird."
Wie weit die moderne Technik Einzug in die Terrornetzwerke gehalten hat, habe man schon gesehen, als al Qaida aus dem Hindukusch-Gebirge vertrieben wurde. Die Terroristen hätten teilweise "in der einen Hand die Kalaschnikow, in der anderen den Laptop" getragen. Durch die Zersplitterung der einzelnen Gruppen blieben sie jetzt über das Netz in Verbindung.
Das Web als Terrorschnittstelle?
Das Internet wird dabei vielfältig genutzt: "Für Finanzierung, Rekrutierung und Koordination", sagt Tophoven. Über das Web knüpfen Terroristen Kontakt miteinander, informieren sich und koordinieren sogar Anschläge. Videobotschaften von Anführern finden im Netz eine breite Plattform und können an beliebig vielen Stellen veröffentlicht werden.
Über Chats sprächen sie Dritte an, um sie für ihre Ziele zu gewinnen. Zudem diene das Internet als Schnittstelle, um Anschläge zu planen und koordinieren. Oft lernten sich die Beteiligten nur in der letzten Planungsphase vor einem Anschlag persönlich kennen, davor kannten sie sich nur aus dem Netz, berichtet Tophoven.
Terrorausbildung über das Internet
Zudem sei das Internet mittlerweile auch Ausbildungsstätte, gibt Tophoven zu bedenken. Es gebe ganze "Videobüchereien im Netz", die der Ausbildung dienen sollen. Auch die "Kofferbomber", die 2006 in Deutschland versucht haben, mehrere Bomben an Bahnhöfen und in Zügen zu platzieren, hätten die Bauanleitungen für diese Bomben aus dem Internet gehabt.
Wie stark das Web an Bedeutung gewonnen hat, könne man an der gestiegenen Zahl der islamistischen Websites sehen. Vor etwa zehn Jahren hätte man noch gerade einmal ein Dutzend Seiten gezählt, mittlerweile seien es über 5.000. Das Netz entwickele sich zur Universität des Jihad. "Die al Qaida ist die erste Guerillabewegung, die sich aus dem realen Raum in den Cyberspace zurückgezogen hat", sagt Rolf Tophoven.
Verschlüsselte Botschaften und Onlinedurchsuchungen
Das Web ist ideal für eine weltweite Kommunikation, daher auch für terroristisch ausgelegte Gruppen interessant. Um nicht enttarnt zu werden, verwenden sie übliche und frei erhältliche Verschlüsselungssoftware. "Die Schwierigkeit liegt in der Kryptologie", erklärt Tophoven. Das macht es Geheimdiensten und Ermittlern fast unmöglich, die Daten zu erkennen und abzufangen. Deshalb unterstützt Rolf Tophoven die Forderung von Innenminister Wolfgang Schäuble nach der Möglichkeit, Rechner über das Netz ausspionieren zu dürfen.
"Angesichts der Eskalation sollte man auf alle Möglichkeiten zurückgreifen", sagt er. Es bleibt aber die Frage, woher die Ermittler ihren konkreten Verdacht finden sollen, wenn die Daten sicher verschlüsselt sind. "Ob man die Aktivitäten eindämmen kann, ist schwierig zu sagen", gibt Tophoven zu. "Eine vollkommene Kontrolle halte ich für unmöglich."
