Verkehrte Netzwelt: Der ängstliche Internet-Albtraum

Prinzipien über alles

Nicht dass Sie nun meinen, ich wäre ein Freak - ein Spinner, der nur um des puren Vergnügens willen im weltweiten Datennetz unterwegs ist und Unsummen in nutzlose Technik investiert. Weit gefehlt: Ich habe Prinzipien, das Internet profitiert von Nutzern wie mir. Schließlich bin ich der Erste, der befreundete Staatsmächte auf unliebsame Blogger aus den Reihen ihrer Untertanen hinweist, die unfairerweise den Behörden gegenüber nicht einmal ihre eigene Muttersprache verwenden. Das könnte mir schon den ein oder anderen Urlaub an militärbewachten, ostasiatischen Stränden einbringen.

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Ich dagegen stelle jeden meiner Downloads ganz fair im Torrent-Netzwerk zur Verfügung und leite gewissenhaft jeglichen Spendenaufruf, ob nun für Knochenmark oder den Sealand-Kassenwart, an mein gigantisches Adressen-Sammelsorium weiter. Als Administrator in rund einem Dutzend Foren werfe ich jeden Nutzer achtkantig raus, der sich auch nur den kleinsten Schnitzer erlaubt oder auch nur daran denkt, andere zu belästigen. Die Neulinge im zweiten Leben kläre ich über die grenzenlosen Konsummöglichkeiten der virtuellen Welt auf. Denn unter uns - auch ich profitiere vom Internet.

Nebenbei betreibe ich im Linden-Land einen Shop, in dem ich Freebies für bare Dollars verkaufe. Schließlich muss man ja auch sein Auskommen sichern, denn mehr als das nackte Überleben deckt mein Gratis-Proben-Abo-Inkasso-Dienst nicht ab. Markenartikel schön zu reden ist Drecksarbeit und wird schlecht bezahlt, das Schnüffeln in Dateien von Online-Bekannten kann zwar sehr unterhaltsam und ertragreich enden, ist in den meisten Fällen aber recht kompliziert. Bleibt mir noch zu hoffen, bald den Polizei-Trojaner unbemerkt mitnutzen zu können. Vielleicht lässt sich auf diesem Weg mancher, der es wirklich verdient hätte, unfreiwillig zum Verbrecher machen.

Das Ende

Dazu sollte es aber nicht kommen. Als das Ende nahte, konnte ich nicht einmal die Festplatte töten, obwohl die GSG9 mit Blendgranate und Schweißgerät zu Hause geblieben war. Sie wussten genau Bescheid: Mitten in der Nacht fielen plötzlich Strom und Telefonleitung aus, auch der Generator wollte nicht anspringen. So öffnete ich die Türe, um nach dem Lüftungsschacht zu sehen. Die Kriminalbeamten erwarteten mich bereits. Denn eine Charakterschwäche muss ich mir letztendlich eingestehen: Ich prahle zuviel.