Wer das hier liest, ist kreativ genug, um weiterzulesen
Verkehrte Netzwelt: Irgendwie Inzucht
Internet & Netzwelt
"Ich packe meine Sachen und bin raus mein Kind" - hier geht nicht Thomas D, sondern ein verirrter netzwelt-Redakteur auf Suche. Weil er partout kein Thema für diese Verkehrte Netzwelt finden mag, lässt er sich zu den flachesten Witzen hinreißen, plaudert aus dem Redaktions-Nähkästchen und setzt dabei höchstwahrscheinlich seinen Arbeitsplatz aufs Spiel.
So einfach ist dieser Job gar nicht. Immer wieder müssen neue Themen aus den Fingern gesaugt, Produkte in gut und schlecht eingeteilt und Fragen fremder Menschen beantwortet werden. Ein Luxusproblem, schon klar. Jede einzelne geschriebene Silbe fordert, die "Verkehrte Netzwelt" auf ganz spezielle Art. Besonders an unkreativen Tagen. Schon mal schlecht gelaunt versucht unter Wasser den Lieblingssong nachzusingen? Gute Stimme hin oder her - spätestens, wenn Chlor den Gaumen umspült, versagt die ihren Dienst.
"Schreib doch was über Second Life oder Windows Vista".
Will ich aber nicht. Lustiges über Microsofts neues Betriebssystem würde das übliche virtuelle Handgemenge der Apple-, Linux- und Windows-Glaubenskrieger auf den Plan rufen. Second Life als Thema kann auch nichts. Die virtuelle Parallel-Welt ist einfach zu faszinierend, um sie durch den Kakao zu ziehen.
Das große Fragezeichen glüht leuchtend auf meiner Stirn. Kollegen schmeißen weitere Stichwörter in den Raum und ich fühle mich wie ein stotternder Freestyle-Rapper mit Sprechblockade. Zu jedem Themenvorschlag fallen mir ein, zwei Sätze ein, vielleicht sogar eine Überschrift, doch es fehlt an Substanz. Mittlerweile sind stolze vier Dokumente geöffnet, die alle mit "Verkehrte Netzwelt" und einem gähnenden Doppelpunkt dahinter beginnen.
Eine Verkehrte Netzwelt über die Verkehrte Netzwelt? Das wäre irgendwie Inzucht. Oder so, als ob man in einen Spiegel schaut, darin einen weiteren Spiegel sieht und so weiter. Vielleicht liefert ein Blick auf ältere Ausgaben der netzwelt-Kolumne neue Denkanstöße: Das Anti-Christkind, Formatieren für Festgeplättete, Himmel und Völlegefühl, Drogen am Arbeitsplatz, Alles Fake. Immer noch keine Idee, die nahende Deadline haucht bereits den Wind der Kündigung in Form eines unangenehmes Kitzelns in meinen Nacken, mir stehen buchstäblich die wenigen Haare zu Berge.
Lustig sein auf Befehl, ohne Rücksicht auf die persönliche Gemütslage - das ist nur etwas für Profis. Scheinbar bin ich keiner. Bin ich jetzt gefeuert? Der Blick rüber zum Vorgesetzten lässt nichts Gutes erahnen. Hastig diktiere ich dem Bildschirm sinnlose Buchstabenkombinationen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre bei einem Boulevard-Blatt und nicht in einer Technik-Redaktion gelandet. Dann würden ein paar an den Haaren herbeigezogene Schlüsselwörter vollkommen ausreichen, um Massen zum Lesen zu bewegen.
In solchen Momenten tauchen dann Schlagzeilen im Zeitungsautomaten laut schreiend vor meinem geistigen Auge auf:
SEX-FILESHARER DANK GOOGLE EARTH ERTAPPT - SO JAGTE DER SAUGER VON BONN DIE UNSCHULDIGE BETTINA R.! Ein wenig Text aus dem Boulevard-Baukasten drumherum - fertig ist die Titelstory.
Links zum Artikel
- Verkehrte Netzwelt: Alles Fake
- Verkehrte Netzwelt: Das Anti-Christkind
- Verkehrte Netzwelt: Drogen am Arbeitsplatz
- Verkehrte Netzwelt: Formatieren für Festgeplättete,
Jetzt sind Sie dran.
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