Dimensionen des eSports: Heute und vor zehn Jahren
Abgehängt: Von der Keller-LAN zum TV-Event
Gestatten: Stealth. Kurz, knapp, unauffällig. Eben genau der, der unbemerkt aus dem Hinterhalt zuschlägt und wieder verschwindet, bevor er selbst ausgeschaltet wird. Meine Mutter war die Vorliebe meines Erschaffers für U-Boot-Simulationen. Mein Vater das Verlangen, einen coolen, persönlichen Netzwerk-Nicknamen zu besitzen. Der Geburtsort meiner elektronischen Existenz: eine provisorische LAN-Party, veranstaltet von sieben Halbstarken im Spätsommer 1998.

Inhaltsverzeichnis
- 1 Stealth's Story: Vom Keller ins Internet und zurück
- 2ESWC: Weltmeisterschaft der eSportler
- 3 Von Bedeutung zu Anerkennung
Meine Gegner der ersten Stunde hießen Cyrus, Dark Saint, Erazor, Lord Raiden, Payback und Trinity. Unsere Arena befand sich auf Computersystemen vom alternden AMD K5-133 bis hin zum megaschnellen P-II 400, die in Küche, Wohn- und Esszimmer verstreut standen. Unsere einzige Verbindung: 18 Meter BNC-Kabel. Unsere Grenzen: Endwiderstände. Wir maßen uns in Disziplinen wie Command and Conquer: Alarmstufe Rot, Need for Speed II und dem brandneuen Unreal. Kurzum: Ein Mordsspaß für ein ganzes sturmfreies Wochenende.
Inhalt
- Stealth's Story: Vom Keller ins Internet und zurück
- Fatal1ty, Meister des Spiels
- ESWC: Weltmeisterschaft der eSportler
- Clanwesen: Vom Hobby zum Beruf?
- Von Bedeutung zu Anerkennung
Stealth's Story: Vom Keller ins Internet und zurück
Bei einer Begegnung sollte es deshalb nicht bleiben. Schnell war ein lokaler Kreis von Kameraden und Kontrahenten ausfindig gemacht, der über großzügige Räumlichkeiten verfügte. Zwischen den steinernen und keramischen Exponaten eines Baubedarf-Ausstellers bezogen wir bald regelmäßig Stellung. In Bestzeiten etwa alle zwei Wochen, zu Spitzenzeiten mit knapp 30 Mann. Mangels Volljährigkeit waren unsere Erschaffer anfangs auf elterliche Transportkapazitäten angewiesen, was die Zahl der Auswärtsspiele in Grenzen hielt. Trotzdem errichteten sie unsere Arenen an verschiedenen Orten, darunter Keller, Bürogebäude und Dorfscheune.
Zu unserer Königsdisziplin wurde der 1999 erschienene Titel Counter-Strike. Man entschloss sich sogar, meinen Mitstreitern und mir einen eigenen Clan zu widmen. Dieser wurde auf den martialisch klingenden Namen "Terror Elite Corps" getauft; ich durfte mich fortan [T.E.C.]Stealth nennen. Mit erhobenem Haupt und Fadenkreuz zogen wir zu Beginn des Flatrate-Zeitalters ab Mai 2000 auch ins Internet ein. Den größten Erfolg errangen wir jedoch offline: Mit der zweiten Platzierung verließ unser Team am 18. Juni 2000 das CS-Turnier auf der H.O.L.D., einer recht professionell organisierten LAN-Party mit etwa 150 Teilnehmern.
Dieses glorreiche Ereignis stellte gleichzeitig den Höhepunkt meiner Clan-Karriere dar. Mein Ego begann allmählich an der Entdeckung Hunderter Namensvetter in den globalen Internet-Arenen zu leiden. Vorbei war es also mit der Einzigartigkeit des Nicknamen Stealth. Gleichzeitig löste sich der T.E.C.-Clan auf, und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, ließ das Interesse meines Erschaffers an eSport- und Schlachtfeldern aus der mir unerklärlichen Vorliebe für eine reale Bekanntschaft stark nach.
Inzwischen werde ich vielleicht zweimal im Jahr aus den Tiefen von Festplatte und Erinnerung hervorgekramt, um wieder in die Arena steigen zu dürfen. Andere virtuelle Kämpfer bekamen da wesentlich mehr Zuwendung, wie etwa Fatal1ty, mit dem ich glücklicherweise noch nie die Klingen gekreuzt habe. Dank der bescheidenen Gaming-Talente meines Erschaffers blieb mir nur, mich an dem strahlenden Ruhm anderer zu ergötzen und die weitere Entwicklung des eSports als Beobachter zu verfolgen.

Okay, Fatal1ty wurde im November 2004 tatsächlich in Doom 3 besiegt, nicht Quake III, wie ich ursprünglich (fälschlicherweise) geschrieben hatte. Danke für den Hinweis! Gruß Stealth