Verkehrte Netzwelt: Mein PC! Mein Handy! Mein MP3-Player!
Knopf im Ohr, Brett vor'm Kopf
Überhaupt existiert ein immenser Drang, sich via World Wide Web anderen Menschen mitzuteilen. Bestes Beispiel: Myspace. Die Plattform mit über 30 Milliarden Zugriffen im Monat funktioniert ähnlich wie ein Poesie-Album aus der Grundschule. Wie gehabt legt jeder Nutzer eine Art eigenen Steckbrief an, in dem er sich allerdings online auszieht - metaphorisch betrachtet. In dieser Ausdrucksform des digitalen Exhibitionismus werden neben kulturellen und intellektuellen Interessen auch Dinge wie Sternzeichen, Familienstand und sexuelle Gesinnung enthüllt.
Doch auch der reale Offline-Alltag in Innenstädten und öffentlichen Verkehrsmitteln ist voll von Neidern und solchen, die gerne um ihre technischen Spielzeuge beneidet werden möchten. Als Magnet für eifersüchtige Blicke taugen die farbneutralen Kopfhörer eines iPod jedoch schon lange nicht mehr. Wem das immer noch nicht aufgegangen ist, der hat höchstwahrscheinlich ein weißes Brett vor dem Kopf. Zu Zeiten des ersten MP3-Players aus dem Hause Apple sah die Sache allerdings noch ganz anders aus.
Wer sich die Gepflogenheiten der mobilfunkenden Fraktion einmal genauer ansieht, wird selbst als völliger Handy-Laie schnell feststellen, dass Telefonieren gar nicht mehr im Vordergrund steht. Was in den meisten Fällen auch völlig in Ordnung geht - doch wie fast immer gibt es schlechte Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Eine davon brüllt einem regelrecht ins Gesicht: "Seht her, ich habe ein Handy, das Musik machen kann!" Kopfhörer sind eine wirklich tolle Erfindung. Bei übertriebener Lautstärke ziehen sie zwar das Hörvermögen des Trägers in Mitleidenschaft, fügen ihrer unmittelbaren Umgebung aber keine allzu großen Schäden zu.
Leider ziehen es einige Digital-Narzissten vor, der ganzen Welt ungefragt und ungefiltert per Handy-Lautsprecher ihren Musikgeschmack aufs Ohr zu drücken. Das MP3-Telefon dabei natürlich so positioniert, dass jeder sofort den Störenfried mit den Stimmqualitäten eines defekten Ghetto-Blasters ausmachen kann. Ob überhaupt irgendjemand die geistigen Ergüsse eines goldkettchentragenden, hirn- und hautverbrannten Verbal-Proleten hören will, scheint keine Rolle zu spielen. Mittlerweile beherrschen sogar manche MP3-Player die hohe Kunst des Nervtötens, doch immerhin klingen sie besser.
Neidhammel und schwarze Schafe
Im Grunde ist wenig Verwerfliches daran, mit den inneren Werten seines PCs, Handys oder MP3-Players zu protzen, solange für die eigenen noch genug übrig bleibt. Es gibt jedoch durchaus auch schwarze Schafe, die mit ihren technischen Errungenschaften lediglich das Schüren von Neid sowie die persönliche Besserstellung im Sinn haben. Neid wird allerdings auch gerne als Werbemittel benutzt, ein bekannter Autoverleih bot seiner Kundschaft sogar "Neid und Missgunst für 99,-/Tag".
So günstig kommen Computerspieler beim Kauf einer neuen High-End-Grafikkarte von Nvidia leider nicht weg. Der Name Nvidia ist nicht weniger als eine Kurzform von "invidia", dem lateinischen Wort für Neid und nach katholischer Lehre eine der sieben Todsünden. Doch statt Digitalneid und Geltungsdrang auf den Plan zu rufen, sollte Unterhaltungselektronik vor allem eines tun: unterhalten.

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