Digitalneid und Geltungsdrang
Verkehrte Netzwelt: Mein PC! Mein Handy! Mein MP3-Player!
Internet & Netzwelt
"Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung", behauptete Wilhelm Busch. Demnach wären wohl die meisten leidenschaftlichen Liebhaber der Digitaltechnik ständig auf der Suche nach der Bewunderung ihrer Mitmenschen. Denn nicht nur im Internet, sondern auch in breiter Öffentlichkeit zeigt man gerne, was man hat, beziehungsweise wo Taschengeld, Gehalt oder Elterneinkünfte geblieben sind.
Vor einigen Jahren hieß es im Werbespot eines bekannten Kreditinstituts noch "Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!": In einem besseren Restaurant legte dabei ein kleiner Club offensichtlich bekennender Yuppies seine Karten in Form von Fotos materieller Status-Symbole auf den Tisch. Heute muss dafür niemand mehr einen echten Gastronomie-Betrieb aufsuchen, höchstens das nächste Internet-Café.
Profilierungsmaßnahme PC
Wer sich rein interessehalber, hilfesuchend oder -gebend in Games- oder Technikforen tummelt, dürfte schon nach kürzester Zeit auf eine moderne Neuauflage der genannten Werbung stoßen. Allerdings lautet die Botschaft hier vielmehr "Mein Prozessor! Mein Arbeitsspeicher! Meine Grafikkarte!" Viele, meist jüngere Zeitgenossen, nutzen ihre PC-Hardware scheinbar als Mittel zur persönlichen Identfikation und präsentieren sie nicht ohne einen gewissen Stolz in der Signatur unter ihren Beiträgen.
Den Trend zur digitalen Selbstdarstellung haben auch findige Anbieter wie sysProfile.de für sich entdeckt. Über die Website erhalten Computerbesitzer die Möglichkeit, für jeden sichtbar ihre Systemdaten zu hinterlegen - von Prozessor über Arbeitsspeicher bis hin zu Grafikkarte, Mainboard und Bildschirm. Nach Aussage des Betreibers soll dies in erster Linie die Unterstützung bei PC-Problemen erleichtern, da die Experten dem Hilfsbedürftigen nicht mehr jede einzelne Angabe aus der Nase ziehen müssen.
Die angeborene Neugier des Menschen sowie eine gewisse Neigung zum Sehen und Gesehenwerden zählt auch zu den Hauptgründen für die so genannte "Casemodder"-Bewegung. In der Szene der teilweise sehr kreativen und handwerklich begabten PC-Tuner dreht es sich primär um die optische Verschönerung der besten Stücke. Das dabei schon fast obligatorische, durchsichtige Seitenfenster gleicht oftmals einem bunt beleuchteten Spiegel zur Seele, die bei jedem bewundernden Blick förmlich aufblüht.
Egotrip via World Wide Web
Aber mal ehrlich: Viele werden der Versuchung wohl nicht widerstehen können, sich mit ihrem Rechner zu profilieren. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort als das Internet, um vor einem breiten Publikum kundzutun, dass man für seinen PC vierstellige Euro-Beträge aus dem Dispo gezaubert oder seinen Prozessor jenseits von gut und böse übertaktet hat. Wer das auf offener Straße versucht, dürfte sich, wenn schon nicht diverse Körperverletzungen, zumindest das absolute Unverständnis einiger Passanten einholen.
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