Verkehrte Netzwelt: Das Anti-Christkind

Ohne Grund keine Veranlassung

Ausweichen kommt für mich als Alternative kaum in Frage, ohne anderen Besuchern unabsichtlich die Pedale ins Schienenbein zu rammen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten. Und zu warten. Um die scheinbare Ewigkeit zu überbrücken, denke ich unwillkürlich an einen Haufen rostiger Zahnräder, die erst einmal geölt und langsam ineinandergreifen müssen, um eine größere Maschinerie in Gang zu setzen.

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Ein völlig anderes Bild zeichnet sich hingegen außerhalb der vorheiligabendlichen Handelszentren ab. Selbst Personen, bei denen die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht, wie etwa der Supermarkt-Kassiererin, der es wieder einmal zu lange dauert, bis ich das passende Kleingeld aus dem Portemonnaie gezogen habe, beten auf einmal das obligatorische "frohe Weihnachten und guten Rutsch" herunter. Nicht aus ernstgemeinter Nettigkeit, sondern vielmehr aus Gründen des typisch deutschen Pflichtgefühls.

Am liebsten würde ich ebenfalls ein gutes Gleiten wünschen, und zwar vom Buckel abwärts, doch meistens schaffe ich es mit Mühe und Not, mich höflich zu beherrschen. Offenbar braucht der gemeine Bundesbürger erst einen höheren Anlass, um seinen näheren Mitmenschen etwas Gutes in Form freundlicher Gesten oder schöner Geschenke zu tun. Möglicherweise bin ich deshalb ein Weihnachtsmuffel, weil ich dafür nicht erst bis zum 24. Dezember oder nächsten Geburtstag warten muss.

Verkaufsveranstaltung mit langem Bart

Nicht genug damit, dass die privatfinanzierten Medien bereits Monate zu früh mit ihrem Feldzug beginnen, um die zahlende Kundschaft zum Weihnachtskauf zu nötigen. Der bekannte Kaffeeröster und Gebrauchswaren-Verramscher Tchibo verdingt sich sogar dreist als Desillusionist. "Offizieller Partner des Weihnachtsmannes 2006" heißt es im Werbespot, "vom Weihnachtsmann empfohlen" auf der Website. Allerdings im blau-weißen Kolorit des russischen Väterchens Frost, vielleicht weil Rot-Weiß mit Getränkeproduzent Coca-Cola in Verbindung gebracht wird.

Wenn es den bärtigen Einsiedler in seiner Hütte im Schnee wirklich gäbe, würde er sich wahrscheinlich grün und blau ärgern, dass er sich nicht selbst als Patent angemeldet hat. Jedem halbwegs intelligenten Kleinkind, wenn es nicht gleich nach Geburt vor den Fernseher oder Computer gesetzt wurde, dürfte spätestens dann aufgehen, dass mit dem Weihnachtsmann etwas nicht stimmen kann. Allein deshalb, weil Polo-Hemden, Lederjacken oder koffeinhaltige Heißgetränke wohl kaum die Top 10 des Wunschzettels füllen dürften.

Rein hypothetisch betrachtet sollte der Weihnachtsmann ein Idealist sein, der den Menschen Freude bereiten und dadurch die Welt verbessern will, zumindest für ein paar Tage. Für mich gleicht er damit einem in die Jahre gekommenen Hippie, der seine Erleuchtung fand und nun im harmonischen Einklang mit sich selbst und gegebenenfalls seinen Rentieren lebt. Für ein geistiges Mitglied der Flower-Power-Bewegung fänden Kritiker bestimmt viele Vorurteile, doch kapitalistische Ambitionen würden bestimmt nicht dazu zählen.

Scheinheilige Nacht

Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn manche die Weihnachtsfeiertage als besonders geruhsam und gemütlich empfinden. Schließlich hat dann zumindest der enorme Stress des Geschenkekaufs endlich ein Ende. Allerdings sind die Nerven anderer wiederum derart strapaziert, dass bereits unwichtige Kleinigkeiten genügen, um den Haussegen auf die schiefe Bahn zu bringen. Manchmal frage ich mich, ob es wirklich ein Zufall sein kann, dass die amerikanische Kurzform für Weihnachtsmann ein Anagramm für "Satan" darstellt.

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