Der ganz normale Weihnachts-Wahnsinn

Verkehrte Netzwelt: Das Anti-Christkind

Verkehrte Netzwelt: Das Anti-Christkind Ich mochte Weihnachten. Damals war ich jung, unwissend und bis zum Haaransatz mit Vorfreude abgefüllt. Natürlich nicht des gemütlichen Beisammenseins, sondern der vielen Geschenke wegen. Fürs Taschengeld und kommerzielle Geben noch zu klein, konnte ich mich voll und ganz ungeniert auf das Nehmen konzentrieren. Doch lange sollte meine unbeschwerte kleine Kinderwelt nicht andauern, das Schreckgespenst des weiß-roten Kapitalismus lag schon auf der Lauer.

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Inhaltsverzeichnis

  1. 1Kommerz, offizieller Partner des Weihnachtsmannes
  2. 2Unter Schafen
  3. 3Ohne Grund keine Veranlassung
  4. 4Verkaufsveranstaltung mit langem Bart
  5. 5Scheinheilige Nacht

Apropos weiß-rot - an den pummeligen Eremiten namens Weihnachtsmann glaubte ich nie. Es war das Christkind, in meinen naiven Kinderaugen eine Art ätherische Lichtgestalt ohne jeden Religionsanspruch, die nichts Besseres zu tun hatte als alljährlich meinen materiellen Wünschen nachzugehen. Als mir die Eltern irgendwann eröffneten, das Christkind gebe es eigentlich gar nicht, trug ich es mit Fassung. Ich ahnte es bereits bei den strafenden Blicken zwischen Mami und Papi, wenn wieder einmal die falschen Präsente unter dem grünen Nadelgestrüpp landeten. So einem coolen Typen wie dem Christkind wäre das bestimmt nicht passiert.

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Kommerz, offizieller Partner des Weihnachtsmannes

Irgendwann war es dann endlich soweit und es gab das erste Taschengeld, mit dem ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Am Anfang beschenkte ich mich zu Heiligabend noch selbst damit, was mich aber keineswegs zum verwöhnten Egoisten abstempelte. Ganz im Gegenteil: Statt unpersönliche Dinge einzukaufen, steckte ich mein ganzes Herzblut sowie meine kreative Energie lieber in selbstgebastelte Kalender, krakelige Zeichnungen und wilde Kombinationen aus allem möglichen Krimskrams und Klebstoff. Doch je näher es in Richtung Pubertät ging, desto mehr andere Dinge schwirrten mir durch den Kopf, die mit einem Mal bedeutend wichtiger erschienen.

So kam es, wie es kommen musste. Geschenke wurden nicht mehr selbst entworfen, sondern der Einfachheit halber gegen Bares gekauft. Das ging eine geraume Zeit lang gut und machte sogar Spaß, bis mir der vorweihnachtliche Wahnsinn eines Tages in seinem vollen Ausmaß bewusst wurde. Aus dem so genannten Fest der Freude wurde plötzlich ein unglaublich erfolgreiches Geschäftsmodell, das mit dem Pflichtbewusstsein der Menschen Völkerball spielt.

Unter Schafen

Wer behauptet, der menschliche Intellekt sei dem von Schafen überlegen, war noch nie auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt. Schafe weichen aus, wenn ein Hindernis im Weg steht und zu groß zum Überspringen ist. Wie in einem viel zu engen Offenstall pressen sich vom Weihnachtsgeist und Kaufrausch beseelte Herden gegeneinander. Hier gleicht das angebliche Fest der Liebe eher einem Fest für Sado-Masochisten. Blockaden in Form anderer Zeitgenossen scheinen allem Anschein nach ein spezielles Ignoranz-Zentrum der Großhirnrinde zu aktivieren, das diese einfach als nicht existent einstuft und einen ungehinderten Weiterlauf suggeriert.

Im geschäftigen Treiben zwischen Wurstbuden, Glühweinschenken und überteuerten Accessoires werden mehr blaue Flecken verteilt als auf einem guten Punk-Konzert. Von Nächstenliebe keine Spur, sofern man Rempler in der Magengegend nicht gerade als Sympathiebekundung einstuft. Ein netzwelt-Redakteur, der sich dort nach Feierabend samt Fahrrad nach Hause schieben will, hat denkbar schlechte Karten, sein Ziel jemals zu erreichen. Zyniker würden höchstwahrscheinlich behaupten, der Intelligenzquotient sinke proportional zum Jahresfortschritt.

Doch in den meisten Fällen ist es nichts als purer Stress, der den Menschen die Kapazität zum vernünftigen Denken nimmt. Immer wenn ich mit dem Fahrrad im Schlepptau auf eines der Opfer des selbst auferlegten Weihnachtszwangs treffe, spielt sich dieselbe Szene ab: Zuerst blanke Panik in den Augen meines Gegenübers wegen des unerwarteten Hindernisses, dann ein sekundenlanger Psychokrieg zwischen den Schläfen, bevor sich überhaupt eine körperliche Ausweichreaktion abzeichnet.

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