Warum ein Verbot nichts bringen würde
Der Experte klärt auf
Wir sprachen mit Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der FU Berlin. Professor Scheithauer hat einen Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und ist Experte für Schulgewalt. Er erklärt, dass ein Amoklauf sowohl eine Form der Rache sein kann, aber auch ein öffentlich inszenierter Suizid. "Oft sind die Täter sozial isoliert oder hatten ein einschneidendes Verlusterlebnis. Diese Empfindungen können auch Ausdruck der subjektiven Wahrnehmung sein."
Die Taten an sich sollen oft die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und inspirieren nicht selten Nachahmungstäter. In einem Verbot der umstrittenen Spiele sieht auch er keine Lösung: "Ein Verbot könnte den Anreiz unter Umständen erhöhen und würde die Verbreitung nicht verhindern, solange diese Produkte weltweit hergestellt werden."
Die Früherkennung von potentiellen Tätern stellt die Experten auch heute noch vor große Probleme. Scheithauser: "Retrospektiv gibt es oft Gemeinsamkeiten unter den Fällen, dennoch ist es sehr schwer, Prognosen für zukünftiges Verhalten zu treffen". Denn obwohl viele dieser Taten und deren Vorgeschichten Parallelen haben, heißt das noch lange nicht, dass jeder sozial isolierte Intensivgamer ein potentieller Amokläufer ist. Denn ohne die psychische Labilität und ein hohes Aggressionspotential wird niemand zum Gewalttäter.
Psychisch labile Menschen gefährdet
Dennoch kann man nicht sagen, dass die Spiele überhaupt keinen Einfluss haben: "Es ist in der Tat so, dass Menschen mit erhöhter Aggressivität ein hohes Risiko tragen, durch gewalttätige Medien noch aggressiver zu werden, insbesondere, wenn beispielsweise soziale Isolation hinzukommt", erklärt Prof. Scheithauer. Wer nie gelernt habe, mit Konflikten oder Problemen umzugehen, neige zudem eher zur Gewaltbereitschaft.
Aggressive Menschen, die sich besonders unterdrückt fühlen, können dazu neigen, ihre Schwäche durch Gewalt- und Machtfantasien zu kompensieren. Dazu können selbstverständlich auch Spiele benutzt werden. Das Spielen von gewalttätigen Spielen ist in diesem Fall das Symptom der Aggressivität und nicht deren Ursache. Das bedeutet aber keinesfalls, dass im Umkehrschluss alle Spieler aggressiv sind.
Liebeskummer, Frust, Wut. Ein Ausschnitt eines Onlinetagebuchs von Bastian B. / ResistantX (Klick vergrößert)
Vollkommen harmlos sind diese Games also nicht: "Computerspiele können die Hemmschwelle senken", warnt der Experte. Dies gilt wie gesagt jedoch in erster Linie für anfällige und labile Personen: "Menschen, die nicht aggressiv sind, werden vom Konsum solcher Medien nicht in dem Maße beeinflusst."
Fazit
Die Gesellschaft muss einen Weg finden, rational mit solchen Fällen umzugehen, so tragisch die Umstände im einzelnen auch sind. Panikmache hilft niemandem. Ein pauschales Verbot von Spielen, die Gewalt enthalten, kann keine effektive Lösung sein. Zusätzlich besteht durch die aktuelle Berichterstattung die Gefahr, dass Jugendliche, die sich sozial weit zurückziehen, in Zukunft noch skeptischer beobachtet und gemieden werden.
So wenig sich gesunde Menschen von diesen "Killerspielen" auch beeinflussen lassen: In Kinderhände gehören sie dennoch nicht. Hier ist aber nicht der Gesetzgeber gefordert, sondern das Umfeld oder Elternhaus. Aber nicht vergessen: Je verpönter etwas in der Öffentlichkeit ist, desto attraktiver wird es für die Jugend. Deshalb gilt besonders für die Eltern, Lehrer, Politiker und Medien, dass sie sich mit dem Thema sachlich auseinandersetzen müssen. Wer offensichtlich unwissend ist, der wird von der Zielgruppe nicht ernstgenommen.
