Verkehrte Netzwelt: Anonymität macht albern
Ich poste, also bin ich
Schneller als man das Wort "Betriebssystem" aussprechen kann, dürfte bereits die erste Antwort gefallen sein. Wer dabei noch die Dreistigkeit besitzt, Partei zu ergreifen, sollte ein dickes Fell mitbringen. Denn selbst persönliche Beleidigungen sind dann keineswegs ausgeschlossen, eine Titulierung als geistig festgefahrener "Fanboy" ist das Mindeste. Allerdings sind Windows und Linux nur zwei von vielen kontrovers diskutierten Themen, in denen die grundlegendsten Regeln der Höflichkeit auf der Strecke bleiben. Außer wüsten Beschimpfungen und wilder Polemik erfreuen sich auch altkluge Floskeln wie "wer lesen kann, ist klar im Vorteil", "Einsicht ist der erste Weg zur Besserung" oder "setzen, 6" großer Beliebtheit.
Kein Wunder, dass dies die ohnehin schon angespannte Stimmung weiter anheizt, denn derartige Kommentare konnte man schon damals in der Kindheit nicht ausstehen, als sie aus den Mündern von enthusiastischen Erziehungsberechtigten, tattrigen Tanten oder pedantischen Pädagogen nur so sprudelten. Manchmal mögen sie durchaus ihre Berechtigung besitzen, doch nicht selten ist der Tenor mehr destruktiv als konstruktiv. Am Ende der Diskussion, sofern überhaupt absehbar, stehen sich oftmals zumindest schriftlich völlig realitätsfremde Stereotypen gegenüber. Zum Beispiel pickelige Linux-"Nerds" mit Rollkragenpulli, aber ohne Freundin und bornierte Windows-Banausen mit "Klickibunti"-Neurose, die zu blöd sind, einen "Kernel zu kompilieren".
Foren sind im Grunde eine praktische Angelegenheit. Während im sozialen Umfeld der Wirklichkeit höchstens eine Handvoll potenzieller Experten bereitsteht, tummeln sich im Internet gleich Millionen. Allerdings besteht die Kunst darin, einen davon zu erwischen. Jemand, der seine zwei flinken Zeigefinger nur dazu bemüht, um in schlechtester Schriftsprache seine Unkenntnis kundzutun, nutzt bei einem wichtigen Anliegen herzlich wenig. Doch manche sehen sich einfach nur gerne schreiben. Und damit sind keine Journalisten gemeint, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienen.
Weiterhin scheinen bestimmte Wortkreationen wie etwa "afaik" ("as far as I know", "soweit ich weiß") oder "imho" ("in my humble opinion", "meiner bescheidenen Meinung nach") bei ihren Verfassern ein besonders intensives Hochgefühl auszulösen, sonst würde man wohl nicht dauernd damit konfrontiert. Einem ähnlich simplen Prinzip der Pseudo-Professionalität bedient sich auch die Werbung: Wer Deutsch mit Englisch und noch dazu in abgekürzter Form kombinieren kann, kennt sich bestimmt aus. Zu diesem Trugschluss lassen sich gerne so genannte "Newbies" oder "Noobs" hinreißen, fühlen sich beeindruckt und hinterfragen erst gar nicht. Mit den beiden Bezeichnungen meinen Internet-Insider übrigens nichts anderes als "Anfänger".
| [Ironie]Hier könnte Ihr Text stehen.[/Ironie] |
Außer den eingangs erwähnten Smileys kursieren noch andere Mittel gegen etwaige Verständnisschwierigkeiten. Eines davon ist der virtuelle Wink mit dem Zaunpfahl, wahlweise in Sternchen, eckigen, spitzen oder runden Klammern geschrieben. Darin lässt sich das Substantiv eines beliebigen, sprachlichen Kommunikationsmittels einsetzen, bei Bedarf mit völlig unnötigen Verständniserweiterungen wie "an" und "aus". "Ironie" gehört zu den beliebtesten Vertretern, mögliche Alternativen sind "Sarkasmus" oder "Zynismus". Doch ebenso gut könnte man den restlichen Forumsbesuchern gleich unterstellen, an fortgeschrittener Demenz zu leiden.
Moderator: Job mit Zukunftsperspektive
Eine mögliche Lösung gegen hohe Arbeitslosigkeit wäre, die Foren-Moderation in eine anerkannte Vollzeitstelle umzuwandeln. Die meisten Moderatoren und Moderatorinnen, so auch im netzwelt-Forum, helfen ehrenamtlich ohne Entgelt. Dabei sind sie in den Weiten des Internets mindestens ebenso wichtig wie die städtische Müllabfuhr im echten Leben und erfüllen zum Teil sogar eine vergleichbare Funktion. Um ihre Zukunft brauchen sich die Entsorger, egal ob real oder virtuell, jedenfalls keine allzu großen Sorgen machen - die Arbeit wird ihnen wahrscheinlich nie ausgehen.






