Lassen Sie sich gerne an der Nase herumführen?
Verkehrte Netzwelt: Alles Fake!
Michael Knott
Ich muss Sie leider enttäuschen. Woodstopper, das bin ich, der Autor dieser Zeilen. Und ich bin nicht berühmt. Ich war auch nie beim Raab, habe kein Buch geschrieben. Schönen Gruß auch an meine Eltern, die mich nie geschlagen, aber immer wie einen kleinen König behandelt haben. Alles nur Fake. Die Kommentare unter dem Liebesbriefeditor-Artikel auf Neon.de - der größte Teil stammt von den netzwelt-Kollegen.
Und, wie ist die Stimmung bei Ihnen vor dem Rechner? Fühlen Sie sich jetzt betrogen, gar hintergangen, an der Nase herumgeführt? Oder haben Sie einfach eine Geschichte gelesen, sich hier und da vielleicht selbst hineingeträumt, sich unterhalten lassen. Woodstopper - ich werfe mal einen weiteren Namen in den Raum: lonelygirl15.
In der Kurzfassung geht ihre Geschichte so: In den USA lebt ein süßes Teenager-Mädchen, etwa 16 Jahre alt. Ihre Eltern verbieten ihr, aus religiösen Gründen, den Schulbesuch, unterrichten sie selbst von zu Hause. Kontakt zu Gleichaltrigen oder Freunden hat sie kaum. Dann entdeckt das Mädchen die Film-Community Youtube, kommentiert dort einen Videobeitrag. Kurze Zeit später stellt sie unter dem Namen "lonelygirl15" ihren ersten Clip ins Netz.
Geliebt, gehasst, gemieden?
Durch geschickte Andeutungen und vermeintliche Versprecher schart sie binnen kürzester Zeit knapp 500.000 Fans auf ihre Seite. Dann der Knall: Hinter lonelygirl steckt kein schüchternes, weltfremdes Wesen, sondern ein professionelles Team. Die einzelnen Folgen ihrer Show wurden aufwändig produziert. Der Fall lonelygirl hat es gezeigt. Im Internet lassen sich innerhalb weniger Stunden Scheinidentitäten aufbauen. Alles, was man dazu braucht, ist eine Hand voll Freunde oder Kollegen. Und am besten einen Spleen.
Muss man das Team um lonelygirl jetzt hassen, oder darf man ihr weiterhin zuschauen? Im Grunde genommen könnte es uns allen ja egal sein, denn wir wollen unterhalten und vielleicht manchmal auch ein wenig an der Nase herumgeführt werden. Nur manchmal ist es einfach besser, einen Mythos nicht allzu schnell zu entzaubern. Denn dann fühlen wir uns doch betrogen. Oder?
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