Lassen Sie sich gerne an der Nase herumführen?
Verkehrte Netzwelt: Alles Fake!
Michael Knott
Die Mutter drogenabhängig, der Vater gewaltbereit, einmal Hölle und zurück. Mit seinen 17 Jahren hat "Woodstopper" bereits eine Menge durchmachen müssen. Im Internet verarbeitet der smarte Abiturient und Hobbymusiker seinen Trennungsschmerz, eine qualvolle Kindheit und die Misshandlungen durch die eigenen Eltern. Und Millionen fühlen mit.
Ich bin gerührt. Denn selten gingen mir Texte so nahe wie die von Woodstopper. Seinen richtigen, bürgerlichen Namen kenne ich noch nicht einmal. Ist auch egal. Magnetisch ziehen mich die Buchstaben an, bis ich mit der Nasenspitze fast den Bildschirm berühre. Im Netz, zum Beispiel bei Neon.de, finden sich seine Texte. Inzwischen hat sich eine beachtliche Fangemeinde um den aufsteigenden Jungliteraten gebildet.
Netzphänomene - Woodstopper ist eines von ihnen. Dabei wollte er anfangs nur sein Inneres nach außen bringen, in einer Art Selbst-Therapie. Der öffentliche Raum Internet war für ihn dabei nur ein Mittel zum Zweck, und doch wie geschaffen. Mit den zahlreichen Reaktionen auf seine Texte hatte er nicht gerechnet. Schon gar nicht mit dem Anruf, der damals bei ihm einging.
Plötzlich interessierten sich nicht nur Linton, freak99 und andere Internetnutzer für seine Texte, sondern auch die ganz großen Fische der Verlagswelt. "Es war ein verdammt komisches Gefühl, als ich ans Telefon ging, und ein großer Verlag meine Texte abdrucken wollte. Zunächst als lose Sammlung. Falls die gut laufen sollte, wollten sie mir die Chance für ein richtiges Buch geben. Ich war schockiert und fasziniert, zu gleichen Teilen", schreibt Woodstopper uns per E-Mail.
Es ging alles sehr schnell. Viel zu schnell, wenn man 17 Jahre alt ist. Wie in der Kinderstube des Internets, zu Zeiten des großen Dotcom-Hypes, wurde die veröffentlichte Textsammlung innerhalb von zwei Wochen mehr als 500.000 Mal im Netz bestellt. Noch etwas Seltsames geschah - denn über die Hälfte der Downloader honorierten die Werke Woodstoppers mit harter Währung. Selbst internationale User spendeten wie Deutsche bei der Jahrhundertflut. Den Betrag konnten sie selbst festlegen. Die eine Hälfte ging an den Verlag, die andere floß direkt in Woodstoppers Tasche.
Ein Deal folgt dem nächsten
Wieder ein Anruf, der nächste Deal. Ein Buch sollte her. "Auf einmal sollte ich ein richtiges Buch schreiben. Noch nicht einmal bei der Themenwahl redete mir der Verlag rein. Ich hatte völlig freie Hand", wundert sich Deutschlands Nachwuchsautor im Nachhinein. Das Karriere-Rad sollte sich aber noch schneller drehen. Erst Internet-Held, dann Buchautor - klar, dass bei einer solch kometenhaften Karriere das Fernsehen nicht lange auf sich warten lässt. Schaulaufen bei Stefan Raab.
Auch Pro Siebens Pausenclown, sonst um keinen noch so flachen Witz aus der untersten Humorschublade verlegen, hing gespannt an Woodstoppers Lippen, als er aus seinem Erstlingswerk "Liebesbriefeditor" vorlas. Mit einem wirren Wortspiel beginnt die Lebensgeschichte eines Jugendlichen kurz vor dem Erwachsenwerden. Mittlerweile ist es der einzige im Netz kostenfrei erhältliche Text. Darin schildert Woodstopper detailiert die schwierigen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, die Alkohol-Probleme der Mutter, die Tobsuchtanfälle des Vaters, wie er immer wieder und wieder auf seinen Sohn einschlug. Grundlos.
Woodstopper schaut mit Hundeblick in die Kameras. Millionen Fernsehzuschauern rutscht das Herz in die Hose. Innerhalb kürzester Zeit ist er seinen prügelnden, saufenden Eltern entkommen und sonnt sich nun im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Und die Welt hat eine neue Identifikations-Figur, einen neuen Helden. Seht her, auch der kleinste Mann kann etwas erreichen, wenn er nur will.
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"Nur manchmal ist es einfach besser, einen Mythos nicht allzu schnell zu entzaubern. Denn dann fühlen wir uns doch betrogen. Oder?"
So manches enttäuschte Kleinkind wird dir wohl Recht geben, nachdem es die Wahrheit über den Weihnachtsmann erfahren hat. Aber Aristoteles hat mal festgestellt: "Alle Menschen streben von Natur nach Wissen." Und das ist wohl besser so, denn...
"Muss man das Team um lonelygirl jetzt hassen, oder darf man ihr weiterhin zuschauen? Im Grunde genommen könnte es uns allen ja egal sein, denn wir wollen unterhalten und vielleicht manchmal auch ein wenig an der Nase herumgeführt werden."
...irgendwo muss man die Grenze ziehen zwischen Harmlosigkeit und Ernst, zwischen Unterhaltung und tatsächlichen Auswirkungen. Das lonelygirl15-Team hat niemandem etwas getan, außer vielleicht ein wenig die Zeit zu nehmen, die man sonst nicht investiert hätte um die Texte zu lesen.
Wenn lonelygirl um um Spenden für eine vermeintliche Operation gebeten hätte (und die wären geflossen!), würde man das noch einmal ganz anders sehen. Oder wenn es gar dazu gedient hätte, die Leute zu einer politischen/gesellschaftlichen Sichtweise anzuheizen.
Hallo,
hab keinen Benutzernamen, will mich auch nicht anmelden. Hab schon viel zu viele Webaccounts, deren Passwörter ich schon lange wieder vergessen habe...
mein eigentlicher Kommentar:
Identitäten baut man doch immer auf. Ob sie nun Schein- oder Austausch- oder Wandelidentitäten sind. Sie sind in ständigem Fluss und immer (wieder) mehr oder weniger medial konstruiert. Ich bin bildender Künstler und arbeite seit längerem an einer Identität. Meine ist echt (konstruiert).
In der Kunst wie vermutlich im Showbusiness auch ist das üblich und auch nicht neu. Neu ist einzig die herzige Tatsache, dass es scheinbar immer wieder Menschen gibt, die glauben, Medien - gleich welcher Art - wären objektiv.
Seien es nun neue oder Alte oder sonstwelche Medien, sie sind immer konstruiert, gefiltert, produziert. Das war und ist schon immer Teil unserer (menschlichen) Welt. Wenn man, wie ich nebst vielen anderen, ein Medium als Zeichen - auch seiner selbst - betrachtet. Kann alles ein Medium sein. Dabei ergeben sich mitunter skurrile gedankliche Kaskadierungseffekte. Aber das führt zu weit...
Meine Meinung: wenns trashig ausschaut, vielleicht noch ein Bisschen schlampig oder schlecht gepflegt, ist's zumindest authentisch. Konstruiertheit hin oder her.
...
Vielleicht gibt's auch ein paar Menschen, die gerne Links folgen:
http://www.kuenstlerwerden.de/
http://www.gerdprivat.blogspot.com/
http://www.flickr.com/photos/gerdloeffler/
Hallo,
Ich war noch nie leichtgläubig und habe zu meiner Schulzeit so manchen Lehrer in den Wahnsinn getrieben, da hinter jeder Antwort immer noch eine Frage oder ein Standpunkt von mir kommen konnte. Nur was ich bis ins Kleinste verstanden habe konnte ich damals auch akzeptieren. Erklärungen wie, nimm es als gegeben hin, habe ich nicht zählen lassen.
Dadurch schiebt man sich manchmal selber ins Abseits, weswegen ich mich mittlerweile oft selber stoppen muß.
Aber diese Sichtweise (gesunde Paranoia) macht sich scheinbar im Zuge von (ich möchte das Wort fast nicht sagen...) "Web2.0" erst so richtig bezahlt.
Nur weil einer ein Video oder Photo hat, das irgendetwas zeigt oder belegen soll, ist es noch lange nicht wahr.
Nur weil einer eine glaubhafte Geschichte erzählt, die mir vielleicht auch noch nahe geht... ist sie noch lange nicht wahr!
Hier sieht man denke ich auch das Gefahrenpotenzial für alle Lebensbereiche.
Grüße Grunzer
PS: Eigentlich ist es schade, daß es so viele Idioten (vom einfachen Texteschreiber, der seinen Ausfluß unter die Leute bringen will bis zu unser allseits beliebten Nigeria Connection) auf der Welt gibt, so daß Menschen wie ich entstehen, die an nichts mehr glauben und auch nichts einfach so hinnehmen wollen.
Genau so ein Fake wie mit dieser Bitch aus Österreich die angeblich 8 Jahre als Entführt galt.Für die 8 Jahre gings ihr ziemlich gut , alles Geldmacherei.Solche Leute müssten mit Rechtlichen Konsequenzen rechnen.
Irgentwie errinnert mich die Geschichte an Tokio Hotel (Ist Bill ein Mädchen? Als ich "Durch den Monsun" Das erste mal gehört hatte, dachte ich, "ach schonwieder so eine Juli/Siblermond/Wir sind Helden Band, bis iich dann herrausgefunden hab, wer die Musik gemacht hat).
Ich meine es klingt plausibel, aber wo Bitte ist denn die Info her?
Und ich würde aufpassen, denn es gibt auch wahre Schicksale!
Was kann man eigentlich noch glauben??
Grüße Grunzer
wer einem 17-jaehrigen glaubt dass er abiturient ist, ist selbst schuld. wer ihm den ganzen anderen schwachsinn glaubt, ist es noch viel mehr selbst schuld. man muss sich so einen quatsch ja nicht durchlesen.
Mal ganz herlich, als ich auf Seite 2 angekommen bin, war ich heilfroh, dass das ganze ausgedacht war, ich habe schon gedacht ich habe total einen an der Meise, dass jemand für sonen zusammengeschissenen Stuss wie den Liebesbriefeditor auf einmal berühmt sein sollte...
Ich bin 18 und in der 12. Klasse (14.06.1988), letztes Schuljahr war beim ABI-Jahrgang 2006 einer Dabei, der auch Jahrgang 1988 war und etwas Jünger als ich, und das auch noch mit 1er Durchschnitt, kein Scherz, da kam ich mir ziemlich blöd vor...
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