Verkehrte Netzwelt: Don Quichotte digital
Neurosen-Nachschub
Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, klemmte ich mir bei der Gelegenheit gleich noch einen dicken Stapel Dämmmatten unter den Arm, mit denen ich penibel jeden freien Fleck des PC-Interieurs auskleidete. Im darauffolgenden Herbst und Winter war ich für eine kurze Weile wunschlos glücklich. Dann folgte einer der heißesten Sommer meiner Studienlaufbahn und die Prozessortemperatur näherte sich mit zerstörerischer Sicherheit dem Siedepunkt. Als ich dann neben dem laut rauschenden und auf den offenen Rechner gerichteten Zimmerventilator saß, erkannte ich, dass auch dies keine optimale Lösung sein konnte.
Mit dem festen Job kam mehr Geld in die Kasse - mehr Geld, um der fortschreitenden PC-Neurose nachzugeben. Nachdem ich eine ruhig gelegene Wohnung abseits vom WG-Stress gefunden hatte, leistete ich mir für einen vierstelligen Betrag einen komplett neuen Rechner. Diesmal sollte alles perfekt sein, deshalb investierte ich allein über 400 Euro in eine lüfterlose Wasserkühlung. Der Haken: Hier fließt die Flüssigkeit nunmal nicht von selbst, sondern braucht dafür eine Wasserpumpe, die wie alle mechanischen Bauteile auch Geräusche von sich gibt.
Mein nagelneuer Midi-Tower, edel und formschön in gebürstetem, schwarzem Aluminium, trieb mich noch weiter in den Wahnsinn. Die dünnen Wände brummten und vibrierten, was das Leichtmetall hergab, selbst radikales Dämmen brachte keine Abhilfe. Eine Ebay-Auktion für die Alu-Außenhülle und 150 Euro später stand ein neues Gehäuse auf dem Laminat - mehr als doppelt so schwer, aber weniger anfällig für akustische Wechselwirkungen. Leider interessierte das den Fußboden herzlich wenig. Mit quietschenden Reifen und dem leichtsinnigen Abruf aller 152 Pferdchen meines französischen Mittelklasse-Gefährts ging es ab durch die Innenstadt zum nächsten Baumarkt.
Endstation Gummizelle?
Mit zwei weiteren Matten unter dem Rechner - eine ursprünglich zur Trittschalldämmung gedacht, die andere aus Gummi - war mein PC nach vielen beschwerlichen Jahren des Geldausgebens, Bastelns und Fluchens endlich ruhiggestellt. Dass ich schon lange kein enthusiastischer Filesharing-Nutzer mehr war und den Rechner nie wieder nachts laufen ließ, spielte mittlerweile überhaupt keine Rolle mehr. Doch eines Tages, die Ohren gewöhnten sich wohl schon an die nahezu absolute Stille, zuckte plötzlich wieder mein Augenlid. Dank der Hilfe eines fähigen Psychiaters geschah dies eigentlich nur noch in unmittelbarer Nähe eines Lüfters.
Ich wollte meinen Ohren kaum trauen: Dem Herzstillstand nahe ging mir auf, dass mein Röhrenmonitor leise Pfeifgeräusche von sich gibt. Eine Schlacht war gewonnen, doch der Krieg ging gnadenlos weiter. Wer weiß, vielleicht werde ich mit einem Flachbildschirm endlich meinen Frieden finden, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht mehr daran. Vielmehr sehe ich mich bereits an der Pforte der nächstbesten Nervenheilanstalt klopfen und auf Knien nach einer Gummizelle flehen - vollkommen schalldicht versteht sich, mit meterdicken Wänden. Mein Tipp, damit Ihnen dieses Schicksal erspart bleibt: Lärmbedingte Stresssymptone einfach ignorieren und den PC mit lauter Musik übertönen. Am besten mit viel schnellem Schlagzeug und verzerrten E-Gitarren.
Links zum Thema
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- Sicherheit am PC - Nein, danke! - Ja, bitte!
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