Weiblich, ledig, jung sucht
Kurztest: Geheimakte Tunguska
Für einen Totgesagten präsentiert sich die Gattung Adventure zurzeit recht lebendig. Voll obenauf ist diese deutsche Produktion, die sich konsequent auf Genretugenden besinnt.

Keine Fiktion: Am 30. Juni 1908 ereignete sich in Sibirien eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Augenzeugen sprachen von einer gigantischen Explosion, die in der Tunguska-Region ein riesiges Gebiet verwüstete. Menschen kamen in der dünn besiedelten Taiga kaum zu schaden. Obwohl bis heute nicht eindeutig geklärt, führen Wissenschaftler das so genannte Tunguska-Ereignis auf einen Meteoriten zurück, der beim Eintritt in die Atmosphäre über Sibirien explodiert sein muss.
Fantasten wollen sich mit dieser Version nicht anfreunden. Nach ihrer Überzeugung kommt als Ursache für eine solche Katastrophe nur der Absturz eines Ufos in Betracht - nuklearbetrieben mindestens. So oder so: Der Stoff eignet sich gut für ein Adventure mit Mystery-Touch. Folgerichtig setzt "Geheimakte Tunguska" mit gesichtslosen Gesellen in schwarzen Roben ein, die den Wissenschaftler Wladimir Kalenkow des Nachts in seinem Büro heimsuchen. Als Töchterlein Nina Kalenkow ihrem Vater tags darauf einen Besuch abstatten will, fehlt von ihm jede Spur.
Die Spurensuche beginnt in den verwüsteten Arbeitsräumen des Vermissten, der, wie sich bald herausstellt, an der Erforschung der Tunguska-Katastrophe beteiligt war. Durch Mausklicks in die grafisch nicht umwerfende, aber stimmungsvolle Szenerie, erkundet der Spieler an die 100 Schauplätze. Die Reise führt um den gesamten Globus, von Osteuropa über Kuba und Irland ins Eis der Antarktis. Mit Max Gruber, einem jungen Arbeitskollegen des Verschwundenen, erhält man im Verlauf des zwölfstündigen Abenteuers die Kontrolle über einen weiteren Charakter.
Mobiltelefon auf vier Pfoten
Dem klassischen Stil bleibt "Geheimakte Tunguska" trotz sporadischer Rollenwechsel treu. Beide Figuren verleiben sich binnen kürzester Zeit so viele Gegenstände ein, dass sie unter der Gesamtlast eigentlich zusammenbrechen müssten. Ein derart pralles Inventar erfordert natürlich eine gewisse Experimentierfreudigkeit, was den wahren Knobler mitnichten stört. Aus dem Rahmen des Nachvollziehbaren fallen die Rätsel selten, auch wenn eine Katze als mobiler Untersatz für ein Telefon erst auf den zweiten Blick naheliegend ist.
Überhaupt misst das Spiel dem Begriff "Nutztier" viel Bedeutung bei, sei es der erwähnte Stubentiger, der zwecks Lauschangriff ein Handy auf den Rücken geschnallt bekommt, die Ratte, die zum Ablenken eines Wachmanns missbraucht wird, oder das Rentier, das für die Herstellung eines Pinsels Federn bzw. Haare lassen muss.
Fazit: Tolle Rätsel, dichte Atmosphäre, angenehm altmodisches Gamedesign - für traditionsbewusste Adventurefans lohnt die Akteneinsicht.
