Verkehrte Netzwelt: Aus dem Leben eines Handy-Losen
Gibt es noch Leben ohne Handy?
Nach gut drei Jahren war ich es endgültig leid, meine knapp zwei Meter Körpergröße in einem französischen Kleinwagen zusammenzufalten. Eine neues Automobil musste her, am besten ein außergewöhnliches Exemplar, das meinen Drang nach Selbstdarstellung befriedigt. Bald hatte sich der Volvo 480 in meinem Hirn manifestiert, wenn man so will der erste echte Sportwagen des skandinavischen Herstellers und Nachfolger vom legendären "Schneewittchen-Sarg". Bald war das passende Fahrzeug in "Lagogrün-Metallic" aufgetrieben, für gut befunden und bezahlt - das erste und letzte Mal, dass ich ein Auto von einem Fahrlehrer kaufe.
Von wegen Schwedenpanzer. Lange sollte meine Freude am seltenen Flitzer nicht währen, der mir mit seinen knapp 110 PS neben den 50 Diesel-Pferdchen des vorigen Gefährts fast wie ein Ferrari vorkam. Freie Bahn, letzter Gang, Tempo 200: Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem unangenehmen Scheppern und Rasseln. Die Bilanz: Getriebeschaden, der fünfte Gang im Nirwana. Hätte sich hier auch der Rest des Getriebes verabschiedet, wäre ich um ein Handy in der Tasche bestimmt sehr glücklich gewesen. Nach der teuren Reparatur gingen die Probleme allerdings erst richtig los. Nach ein paar Monaten blieb mein vierrädriger Liebling, der in meiner Gunst ohnehin schon gesunken war, in unregelmäßiger Regelmäßigkeit einfach stehen. Den Grund dafür kenne ich bis heute nicht, damit darf sich inzwischen der nächste Besitzer herumschlagen.
Bei den ersten Malen war zum Glück immer eine Telefonzelle in der Nähe. Für die nächsten Zwangsstopps ließ ich mich sogar dazu hinreißen, mir vorher zur Sicherheit ein Handy auszuleihen. Bis zum eigenen Mobiltelefon fehlte also nicht mehr viel. Doch bevor es soweit kommen konnte, verscherbelte ich den schwierigen Schweden an den nächstbesten Interessenten. Die Abschleppkosten, die zum Glück von einem Automobil-Club getragen wurden, hatten den tatsächlichen Wert des Volvos wahrscheinlich längst überschritten. Nach dem Verkauf musste ich mich nicht nur auf die Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz, sondern auch nach einer neuen Club-Mitgliedschaft machen. Ein Handy stand immer noch nicht auf meiner Liste, aber es war ganz schön knapp.
Manchmal frage ich mich, ob menschliche Existenz ohne Handy überhaupt noch möglich ist. Aber ich bin einer der lebenden Beweise dafür. Praktisch ist ein eigenes Mobiltelefon allemal, sei es um eine Verabredung in letzter Sekunde sausen zu lassen, den Abschleppdienst anzurufen oder hektische Messetage zu überstehen. Dennoch bin ich froh darüber, keine Gedanken an dubiose Klingelton-Knebelverträge, überhöhte Roaming-Gebühren und die Bezahlung einer weiteren Rechnung verschwenden zu müssen. Wer weiß, vielleicht klingelt es einen fernen Tages auch in meiner Hosentasche, aber ehrlich gesagt: Rechnen Sie besser nicht damit.
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